Schopenhauers Kosmos

 

 Kunst.

1) Ursprung und Zweck der Kunst.

Die Wissenschaften gehen dem Satz vom Grunde in seinen verschiedenen Gestaltungen nach und ihr Thema bleibt die Erscheinung, deren Gesetze, Zusammenhang und daraus entstehendes Verhältnis. Die Kunst hingegen, das Werk des Genius, betrachtet das außer und unabhängig von aller Relation bestehende, allein eigentlich Wesentliche der Welt, den wahren Gehalt ihrer Erscheinungen, das keinem Wechsel Unterworfene, die Ideen. Sie wiederholt die durch reine Kontemplation aufgefassten ewigen Ideen. Ihr einziger Ursprung ist die Erkenntnis der Ideen; ihr einziges Ziel Mitteilung dieser Erkenntnis. Wir können sie geradezu bezeichnen als die Betrachtungsart der Dinge unabhängig vom Satze des Grundes, im Gegensatz der gerade diesem nachgehenden Betrachtung, welche der Weg der Erfahrung und Wissenschaft ist. (W. I, 217 fg.; II, 414. P. II, 449 fg. H. 302.) Zweck der Kunst ist die Erleichterung der Erkenntnis der Ideen der Welt (im platonischen Sinne). (W. II, 464.)
Die Kunst ist, da die Idee ihr Gegenstand ist, nicht Nachahmung der Natur, des Wirklichen, sondern sie übertrifft die Natur, indem der Künstler durch Antizipation dessen, was die Natur darzustellen sich bemüht hat, durch Erkenntnis der Idee im einzelnen Dinge, das Schöne schaut, so wie der Dichter das Charakteristische. (W. I, 261—263. H. 364—368. — Vergl. Antizipation.)

2) Das Objekt der Kunst, die Idee.

(S. Idee.)

3) Das Subjekt der Kunst, das Genie.

(S. Genie.)

4) Verwandtschaft der Kunst mit der Philosophie und Unterschied beider.

Nicht bloß die Philosophie, sondern auch die schönen Künste arbeiten im Grunde darauf hin, das Problem des Daseins zu lösen. Denn das wahre Wesen der Dinge, des Lebens, des Daseins hat allein Interesse für den von den Zwecken des Willens frei gewordenen Intellekt. Deshalb ist das Ergebnis jeder rein objektiven, also auch jeder künstlerischen Auffassung der Dinge ein Ausdruck mehr vom Wesen des Lebens und Daseins, eine Antwort mehr auf die Frage: Was ist das Leben? Aber die Künste reden nur die naive und kindliche Sprache der Anschauung, nicht die abstrakte und ernste der Reflexion; ihre Antwort ist daher ein flüchtiges Bild, nicht eine bleibende allgemeine Erkenntnis. Sie gewähren immer nur ein Fragment, ein Beispiel, statt der Regel, nicht das Ganze, als welches nur in der Allgemeinheit des Begriffes gegeben werden kann. Für diesen daher, also für die Reflexion und in abstrakto, eine eben deshalb bleibende und auf immer genügende Beantwortung jener Frage zu geben, — ist die Aufgabe der Philosophie. (W. II, 461 fg.) In den Werken der darstellenden Künste ist zwar alle Weisheit enthalten, jedoch nur virtualiter oder implicite; hingegen dieselbe actualiter und explicite zu liefern ist die Philosophie bemüht, welche in diesem Sinne sich zu jenen verhält, wie der Wein zu den Trauben. (W. II, 463.)

5) Gegensatz zwischen Kunst und Geschichte.

Der Stoff der Kunst ist die Idee, der Stoff der Wissenschaft der Begriff. Beide sind also mit Dem beschäftigt, was immer da ist und stets auf gleiche Weise. Daher eben haben Beide es mit Dem zu tun, was Plato ausschließlich als den Gegenstand wirklichen Wissens aufstellt. Der Stoff der Geschichte hingegen ist das Einzelne in seiner Einzelnheit und Zufälligkeit, was Ein Mal ist und dann auf immer nicht mehr ist, die vorübergehenden Verflechtungen einer wie Wolken im Winde beweglichen Menschenwelt, welche oft durch den geringfügigsten Zufall ganz umgestaltet werden. (W. II, 503.)
In der Kunst gilt nur die innere Bedeutsamkeit; die äußere gilt in der Geschichte. Beide sind völlig unabhängig von einander, können zusammen eintreten, aber auch jede allein erscheinen. Eine für die Geschichte höchst bedeutende, d. h. eine in Beziehung auf die Folgen wichtige Handlung kann an innerer Bedeutsamkeit, d. h. in Beziehung auf die Tiefe der Einsicht in die Idee der Menschheit, welche sie eröffnet, eine sehr alltägliche und gemeine sein, und umgekehrt kann eine Szene aus dem alltäglichen Leben von großer innerer Bedeutsamkeit sein. (W. I, 272. 288 fg.)

6) Das Angeborene und das Erworbene in der Kunst.

Der Künstler lässt uns durch seine Augen in die Welt blicken. Dass er diese Augen hat, dass er das Wesentliche, außer allen Relationen Liegende der Dinge erkennt, ist die Gabe des Genius, das Angeborene; dass er aber im Stande ist, auch uns diese Gabe zu leihen, uns seine Augen aufzusetzen, dies ist das Erworbene, das Technische der Kunst. (W. I, 230.)

7) Die beiden Extreme in der Reihe der Künste.

Die Quelle des ästhetischen Genuss liegt bald mehr in der Auffassung der erkannten Idee, bald mehr in der Seligkeit und Geistesruhe des von allem Wollen und seiner Pein befreiten reinen Erkennens, und zwar hängt dies Vorherrschen des einen oder des anderen Bestandteils des ästhetischen Genuss davon ab, ob die intuitiv aufgefasste Idee eine höhere oder niedere Stufe der Objektität des Willens ist. Daher ist bei Betrachtung der Werke der schönen Baukunst der Genuss des reinen willenlosen Erkennens überwiegend, weil die hier aufgefassten Ideen nur niedrige Stufen der Objektität des Willens, daher nicht Erscheinungen von tiefer Bedeutsamkeit und vielsagendem Inhalt sind. Hingegen besteht, wenn Tiere und Menschen der Gegenstand der ästhetischen Darstellung sind, der Genuss mehr in der objektiven Auffassung dieser Ideen, welche die bedeutsamsten und die deutlichsten Offenbarungen des Willens sind. (W. I, 250 fg.) In dieser Hinsicht bilden Architektur und Drama die beiden Extreme in der Reihe der schönen Künste. Dort überwiegt wegen geringer objektiver Bedeutsamkeit der offenbarten Ideen die subjektive Seite, hier hingegen wegen tiefer Bedeutsamkeit der zur Erkenntnis gebrachten Ideen die objektive Seite des ästhetischen Genuss. (W. I, 255.)

8) Hoher Wert und Wichtigkeit der Kunst.

Die gesamte sichtbare Welt ist nur die Objektivation, der Spiegel des Willens, zu seiner Selbsterkenntnis, ja zur Möglichkeit seiner Erlösung ihn begleitend, und zugleich ist sie, wenn man sie als Welt der Vorstellung abgesondert betrachtet, indem man vom Wollen losgerissen, nur sie allein das Bewusstsein einnehmen lässt, die erfreulichste und die allein unschuldige Seite des Lebens. Der hohe Wert und die Wichtigkeit der Kunst besteht nun darin, dass sie, als die höhere Steigerung, die vollkommenere Entwicklung von allem Diesem wesentlich eben das Selbe, nur konzentrierter, vollendeter, mit Absicht und Besonnenheit, leistet, was die sichtbare Welt selbst, und sie daher, im vollen Sinne des Wortes, die Blüte des Lebens genannt werden mag. (W. I, 315.) Die künstlerische Kontemplation hat schon Analogie und sogar Verwandtschaft mit der Verneinung des Willens zum Leben, weil in ihr das Akzidenz (der Intellekt) die Substanz (den Willen) bemeistert und aufhebt, wenngleich nur auf eine kurze Weile. (W. II, 420; I, 316. H. 399. M. 275. — Vergl. auch unter Genie: Das Genie in ethischer Hinsicht.)

9) Gegensatz zwischen den nützlichen und den schönen Künsten.

Die Mutter der nützlichen Künste ist die Not; die der schönen der Überfluss. Zum Vater haben jene den Verstand, diese das Genie, welches selbst eine Art Überfluss ist, nämlich der der Erkenntniskraft über das zum Dienste des Willens erforderliche Maß. (W. II, 466.)
Die Rolle der mannigfaltigen Blumen zwischen den Ähren tragenden Halmen im Kornfeld ist die selbe, welche die Poesie und die schönen Künste im ernsten, nützlichen und fruchtbringenden bürgerlichen Leben spielen; daher sie als Sinnbild dieser betrachtet werden können. (P. II, 684.)
(Über die einzelnen schönen Künste:, Baukunst, Gartenkunst, Skulptur, Malerei, Poesie und Musik siehe diese Artikel.)