Schopenhauers Kosmos

 

 Sprache.

1) Die Sprache als Erzeugnis und Werkzeug der Vernunft.

Es ist die Vernunft, die zur Vernunft spricht, und was sie mitteilt und empfängt, sind abstrakte Begriffe, nichtanschauliche Vorstellungen. Hieraus allein ist es erklärlich, dass nie ein Tier sprechen und vernehmen kann, obgleich es die Werkzeuge der Sprache und auch die anschaulichen Vorstellungen mit uns gemein hat; aber eben weil die Worte jene ganz eigentümliche Klasse von Vorstellungen bezeichnen, deren subjektives Korrelat die Vernunft ist, sind sie für das vernunftlose Tier ohne Sinn und Bedeutung. (W. I, 47.)
Das Tier teilt seine Empfindung und Stimmung durch Gebärden und Laute mit, der Mensch teilt dem anderen Gedanken durch Sprache mit, oder verbirgt Gedanken durch Sprache. Sprache ist das erste Erzeugnis und das notwendige Werkzeug seiner Vernunft; daher wird im Griechischen und Italienischen Sprache und Vernunft durch dasselbe Wort bezeichnet: δ λογος, il discorso. Durch Hilfe der Sprache allein bringt die Vernunft ihre wichtigsten Leistungen zu Stande, nämlich das übereinstimmende Handeln, das planvolle Zusammenwirken Vieler, die Zivilisation, den Staat, ferner die Wissenschaft, das Aufbewahren früherer Erfahrung, das Zusammenfassen des Gemeinsamen in einen Begriff, das Mitteilen der Wahrheit, das Verbreiten des Irrtums, das Denken und Dichten, die Dogmen und Superstitionen. (W. I, 44.)
Da die zu abstrakten Begriffen sublimierten Vorstellungen alle Anschaulichkeit eingebüßt haben, so würden sie dem Bewusstsein ganz entschlüpfen und ihm zu den damit beabsichtigten Denkoperationen gar nicht Stand halten, wenn sie nicht durch Zeichen sinnlich fixiert und festgehalten würden; dies sind die Worte. Daher bezeichnen diese, soweit sie den Inhalt des Lexikons, also die Sprache ausmachen, stets allgemeine Vorstellungen, Begriffe, nie anschauliche Dinge; ein Lexikon, welches hingegen Einzeldinge aufzählt, enthält lauter Eigennamen. Bloß weil die Tiere auf anschauliche Vorstellungen beschränkt und keiner Abstraktion, mithin keines Begriffes fähig sind, haben sie keine Sprache, selbst wenn sie Worte auszusprechen vermögen; hingegen verstehen sie Eigennamen. (G. 99.)

2) Worauf die enge Verbindung des Begriffs mit dem Wort, also der Sprache mit der Vernunft beruht.

(S. unter Begriff: Begriff und Wort.)

3) Bedingtheit der Sprachfähigkeit durch die Gedankenassoziation.

Unser unmittelbares, d. h. nicht durch mnemonische Künste vermitteltes Wortgedächtnis und mit diesem unsere ganze Sprachfähigkeit beruht auf der unmittelbaren Gedankenassoziation. (W. II, 146. Vergl. Gedankenassoziation.)

4) Die ursprüngliche Sprache.

Die tierische Stimme dient allein dem Ausdrucke des Willens in seinen Erregungen und Bewegungen, die menschliche aber auch dem der Erkenntnis. Doch sind beim Entstehen der menschlichen Sprache ganz gewiss das Erste die Interjektionen gewesen, als welche nicht Begriffe, sondern, gleich den Lauten der Tiere, Gefühle, — Willensbewegungen, — ausdrücken. (P. II, 599.)
Der Mensch hat die Sprache instinktiv erfunden. Nachdem die Sprache einmal da war, verlor sich dieser Instinkt. Die erste und ursprüngliche Sprache hatte daher die hohe Vollkommenheit aller Werke des Instinkts. (P. II, 599 fg. Vergl. unter Mensch, Menschengeschlecht: Allmähliche Degradation des Menschengeschlechts.)

5) Die Erlernung der Sprache als eine logische Schule.

Mit der Erlernung der Sprache wird der ganze Mechanismus der Vernunft, also das Wesentliche der Logik, zum Bewusstsein gebracht. Bei Erlernung der Sprache samt allen ihren Wendungen und Feinheiten, sowohl mittelst Zuhören der Reden Erwachsener, als mittelst Selbstreden, vollbringt das Kind jene Entwicklung seiner Vernunft und erwirbt sich jene wahrhaft konkrete Logik, welche nicht in den logischen Regeln, sondern unmittelbar in der richtigen Anwendung derselben besteht. (G. 100.)
Wie sehr der Gebrauch der Vernunft an die Sprache gebunden ist, sehen wir bei den Taubstummen, welche, wenn sie keine Art von Sprache erlernt haben, kaum mehr Intelligenz zeigen, als die Orang-Utane und Elefanten; denn sie haben stets nur potentia, nicht actu Vernunft. (W. II, 71.) Die logische Schule, die Jeder mittelst Erlernung der Sprache durchmacht, macht nur der Taubstumme nicht durch; deshalb ist er fast so unvernünftig, wie das Tier, wenn er nicht die ihm angemessene sehr künstliche Ausbildung durch Lesenlernen erhält, die ihm das Surrogat jener naturgemäßen Schule der Vernunft wird. (G. 100.)

6) Der Nachteil der Sprache, und wodurch er zum Teil beseitigt wird.

Wort und Sprache sind zwar das unentbehrliche Mittel zum deutlichen Denken. Wie aber jedes Mittel, jede Maschine zugleich beschwert und hindert, so auch die Sprache, weil sie den unendlich nuancierten, beweglichen und modifikablen Gedanken in gewisse feste, stehende Formen zwängt und indem sie ihn fixiert, ihn zugleich fesselt. Dieses Hindernis wird durch die Erlernung mehrerer Sprachen zum Teil beseitigt. Denn indem bei dieser der Gedanke aus einer Form in die andere gegossen wird, er aber in jeder seine Gestalt etwas verändert, löst er sich mehr und mehr von jeglicher Form und Hülle ab, wodurch sein selbsteigenes Wesen deutlicher ins Bewusstsein tritt und er auch seine ursprüngliche Modifikabilität wieder erhält. (W. II, 71.)

7) Warum die Erlernung mehrerer Sprachen ein wichtiges geistiges Bildungsmittel ist.

Die Erlernung mehrerer Sprachen ist nicht allein ein mittelbares, sondern auch ein unmittelbares, tief eingreifendes geistiges Bildungsmittel. Denn nicht für jedes Wort einer Sprache findet sich in jeder anderen das genaue Äquivalent. Also sind nicht sämtliche Begriffe, welche durch die Worte der einen Sprache bezeichnet sind, genau die selben, welche die der anderen ausdrücken; sondern oft sind es ähnliche und verwandte, jedoch durch irgend eine Modifikation verschiedene Begriffe. Demgemäß liegt bei Erlernung einer Sprache die Schwierigkeit vorzüglich darin, jeden Begriff, für den sie ein Wort hat, auch dann kennen zu lernen, wann die eigene Sprache kein diesem genau entsprechendes Wort besitzt, welches oft der Fall ist. Daher also muss man bei Erlernung einer fremden Sprache mehrere ganz neue Sphären von Begriffen in seinem Geiste abstecken; mithin entstehen Begriffssphären, wo noch keine waren. Man erlernt also nicht bloß Worte, sondern erwirbt Begriffe. Bei Erlernung jeder fremden Sprache bilden sich neue Begriffe, um neuen Zeichen Bedeutung zu geben; Begriffe treten auseinander, die sonst nur gemeinschaftlich einen weiteren, also unbestimmteren ausmachten, weil eben nur Ein Wort für sie da war; Beziehungen, die man bis dahin nicht gekannt hatte, werden entdeckt, weil die fremde Sprache den Begriff durch einen ihr eigentümlichen Tropus, oder Metapher bezeichnet; unendlich viele Nuancen, Ähnlichkeiten, Verschiedenheiten, Beziehungen der Dinge treten mittelst der neu erlernten Sprache ins Bewusstsein; man erhält also eine vielseitigere Ansicht von den Dingen. Das Denken erhält also durch die Erlernung einer jeden Sprache eine neue Modifikation oder Färbung, der Polyglottismus ist demnach, neben seinem vielen mittelbaren Nutzen, auch ein direktes Bildungsmittel des Geistes. (P. II, 601 —605. W. II, 71.)

8) Vorzüglicher Nutzen der Erlernung der alten Sprachen.

Der Nutzen, den die Erlernung fremder Sprachen bringt, ist, dass man nicht bloß Worte erlernt, sondern Begriffe erwirbt. Dies ist vorzüglich bei Erlernung der alten Sprachen der Fall, weil die Ausdrucksweise der Alten von der unsrigen viel verschiedener ist, als die der modernen Sprachen von einander, welches sich daran zeigt, dass man beim Übersetzen ins Lateinische zu ganz anderen Wendungen, als die das Original hat, greifen muss. Ja, man muss meistens den lateinisch wiederzugebenden Gedanken ganz umschmelzen und umgießen, wobei er in seine letzten Bestandteile zerlegt und wieder rekomponiert wird. Gerade hierauf beruht die große Förderung, die der Geist von der Erlernung der alten Sprachen erhält. (P. II, 603. 605. W. II, 71. Vergl. auch Latein.)

9) Erfordernis zum Erfassen des Geistes einer fremden Sprache.

Erst nachdem man alle Begriffe, welche die zu erlernende Sprache durch einzelne Worte bezeichnet, richtig gefasst hat und bei jedem Worte derselben genau den ihm entsprechenden Begriff unmittelbar denkt, nicht aber erst das Wort in eines der Muttersprache übersetzt und dann den durch dieses bezeichneten Begriff denkt, und ebenso hinsichtlich ganzer Phrasen, — erst dann hat man den Geist der zu erlernenden Sprache gefasst und damit einen großen Schritt zur Kenntnis der sie sprechenden Nation getan. Vollkommen inne aber hat man eine Sprache erst, wenn man fähig ist, nicht etwa Bücher, sondern sich selbst in sie zu übersetzen, so dass man ohne einen Verlust an seiner Individualität zu erleiden sich unmittelbar in ihr mitzuteilen vermag. (P. II, 603.)

10) Die Weisheit der Sprache.

Lichtenberg sagt mit Recht: Wenn man viel selbst denkt, so findet man viele Weisheit in die Sprache eingetragen. Es ist wohl nicht wahrscheinlich, dass man Alles selbst hineinträgt, sondern es liegt wirklich viel Weisheit darin. Ein vorzügliches und der den Willen für das Primäre, den Intellekt für das Sekundäre erklärenden (Schopenhauerschen) Philosophie zur Bestätigung dienendes Beispiel dieser Weisheit ist, dass in sehr vielen, vielleicht in allen Sprachen das Wirken auch der erkenntnislosen, ja der leblosen Körper durch Wollen ausgedrückt, ihnen also ein Wille vorweg beigelegt wird, hingegen niemals ein Erkennen, Vorstellen, Wahrnehmen, Denken. (N. 95—97.)

11) Gegen die moderne Art der Sprachbereicherung.

Dass gleichen Schrittes mit der Vermehrung der Begriffe der Wortvorrat einer Sprache vermehrt werde, ist recht und sogar notwendig. Wenn hingegen Letzteres ohne Ersteres geschieht, so ist es bloß ein Zeichen der Geistesarmut, die doch etwas zu Markte bringen möchte und, da sie keine neuen Gedanken hat, mit neuen Worten kommt. Diese Art der Sprachbereicherung ist jetzt sehr an der Tagesordnung und ein Zeichen der Zeit. Aber neue Worte für alte Begriffe sind wie eine neue Farbe auf ein altes Kleid gebracht. (P. II, 607.)

12) Gegen die moderne Sprachverhunzung.

(S. unter Jetztzeit: Sprach- und Stilverhunzung der Jetztzeit.)

13) Weshalb in der Etymologie mehr die Konsonanten, als die Vokale zu berücksichtigen sind.

Die Konsonanten sind das Skelett und die Vokale das Fleisch der Wörter. Jenes ist (im Individuum) unwandelbar, dieses sehr veränderlich an Farbe, Beschaffenheit und Quantität. Darum konservieren die Wörter, indem sie durch die Jahrhunderte, oder gar aus einer Sprache in die andere wandern, im Ganzen sehr wohl ihre Konsonanten, aber verändern leicht ihre Vokale; weshalb in der Etymologie viel mehr jene, als diese zu berücksichtigen sind. (P. II, 609—611.)