Schopenhauers Kosmos

 

 Organisch. Organismus. Organisation.

1) Gegensatz des Organischen und Unorganischen.

(S. Leben.)

2) Wesen des Organismus.

Der Organismus ist die bloße Erscheinung, Sichtbarkeit, Objektität des Willens, ja eigentlich nur der im Gehirn als Vorstellung angeschaute Wille. Was im Selbstbewusstsein, also subjektiv, der Wille ist, das stellt im Bewusstsein anderer Dinge, also objektiv, sich als der gesamte Organismus dar. (W. II, 277. 375. N. 101.) Nicht bloß in allen inneren unbewussten Funktionen des Organismus ist der Wille das Agens; sondern der organische Leib selbst ist nichts Anderes als der in die Vorstellung getretene Wille, der in der Erkenntnisform des Raumes angeschaute Wille selbst. (N. 34. 54. Vergl. auch Leib.)

3) Verhältnis der Organisation zur Lebensweise.

Bei näherer Betrachtung der Angemessenheit der Organisation jedes Tieres zu seiner Lebensweise und den Mitteln, sich seine Existenz zu erhalten, entsteht die Frage, ob die Lebensweise sich nach der Organisation gerichtet habe, oder diese nach jener. Auf den ersten Blick scheint das Erstere das Richtigere, da der Zeit nach die Organisation der Lebensweise vorhergeht und man meint, das Tier habe die Lebensweise ergriffen, zu der sein Bau sich am besten eignete. Allein unter dieser Annahme bleibt unerklärlich wie die ganz verschiedenen Teile des Organismus eines Tieres sämtlich seiner Lebensweise genau entsprechen, kein Organ das andere stört, vielmehr jedes das andere unterstützt, auch keines unbenutzt bleibt und kein untergeordnetes Organ zu einer anderen Lebensweise besser taugen würde, während allein die Hauptorgane diejenige bestimmt hätten, die das Tier wirklich führt; vielmehr jeder Teil des Tieres sowohl jedem andern, als seiner Lebensweise auf das genaueste entspricht. Dieses, dass einerseits, gemäß der lex parsimoniae naturae, kein Tier ein überflüssiges Organ hat, andererseits keinem Tier je ein Organ abgeht, welches seine Lebensweise erfordert, sondern alle, auch die verschiedenartigsten, übereinstimmen und wie berechnet sind auf eine ganz speziell bestimmte Lebensweise, beweist, dass die Lebensweise, die das Tier, um seinen Unterhalt zu finden, führen wollte, es war, die seinen Bau bestimmte, — nicht aber umgekehrt. Das Erste und Ursprüngliche ist das Streben, auf diese bestimmte Weise zu leben, auf solche Art zu kämpfen, welches Streben sich darstellt nicht nur im Gebrauch, sondern schon im Dasein der Waffe, so sehr, dass jener oft diesem vorhergeht, wie das Stoßen junger Böcke, Widder, Kälber mit dem bloßen Kopf, ehe sie noch Hörner haben, beweist, — ein Zeichen, dass weil das Streben da ist, die Waffe sich einstellt, nicht umgekehrt, und so mit jedem Teil überhaupt. (N. 40—52.)

4) Erklärung der Zweckmäßigkeit des Organismus.

Sowohl die am Knochengerüste sich darstellende genaue Angemessenheit des Baues zu den Zwecken und äußeren Lebensverhältnissen des Tieres, als auch die so bewundernswürdige Zweckmäßigkeit und Harmonie im Getriebe seines Innern, wird durch keine andere Erklärung oder Annahme auch nur entfernterweise so begreiflich, als durch die Wahrheit, dass der Leib des Tieres eben nur sein Wille selbst ist, angeschaut als Vorstellung. Denn unter dieser Voraussetzung muss Alles in und an ihm konspirieren zum letzten Zweck, dem Leben dieses Tieres. Alles Nötige muss da sein, genau so weit es nötig ist, nicht weiter. Denn hier ist der Meister, das Werk und der Stoff Eines und dasselbe. Hier war Wollen, Tun und Erreichen Eines und dasselbe. Daher ist jeder Organismus ein überschwänglich vollendetes Meisterstück, steht als ein Wunder da und ist keinem Menschenwerk, das beim Lampenschein der Erkenntnis erkünstelt wurde, zu vergleichen. (N. 54—57.)