Schopenhauers Kosmos

 

 Not.

1) Not und Langeweile als die beiden entgegengesetzten Pole des Menschenlebens.

(S. Langeweile.)

2) Nützlichkeit der Not.

Wie unser Leib auseinanderplatzen müsste, wenn der Druck der Atmosphäre von ihm genommen wäre; so würde, wenn der Druck der Not, Mühseligkeit, Widerwärtigkeit vom Leben der Menschen weggenommen wäre, ihr Übermut sich steigern bis zur zügellosen Narrheit, ja Raserei. Sogar bedarf Jeder allezeit eines gewissen Quantums Sorge, oder Not, wie das Schiff des Ballasts, um fest und gerade zu gehen. — Wenn alle Wünsche, kaum entstanden, auch schon erfüllt wären, womit sollte dann das menschliche Leben ausgefüllt, womit die Zeit zugebracht werden? In einem Schlaraffenland würden die Menschen zum Teil vor langer Weile sterben, oder sich aufhängen, zum Teil aber einander bekriegen und so sich mehr Leiden verursachen, als jetzt die Natur ihnen auflegt. Also für ein solches Geschlecht passt kein anderes Dasein. (P. II, 314.) — Im Schlaraffenland würde durch das stete sinnliche Wohlsein jede Neigung des besseren Bewusstseins unmöglich; es gäbe keine Tugend und kein Trauerspiel. (M. 736.)
(Über die Not als die Mutter der Künste s. Nationen.)

3) Eigentümlichkeit der aus der Not in den Wohlstand Gelangten.

Man wird in der Regel finden, dass Diejenigen, welche schon mit der eigentlichen Not und dem Mangel handgemein gewesen sind, diese ungleich weniger fürchten und daher zur Verschwendung geneigter sind, als Die, welche solche nur vom Hörensagen kennen. Zu den Ersteren gehören Alle, die durch Glücksfälle irgend einer Art, oder durch besondere Talente ziemlich schnell aus der Armut in den Wohlstand gelangt sind; die Anderen hingegen sind Die, welche im Wohlstand geboren und geblieben sind. (P. I, 368. Vergl. Armut.)