Schopenhauers Kosmos

 

 Nationen.

1) Warum die höchste Zivilisation und Kultur sich ausschließlich bei den weißen Nationen findet.

Dass die höchste Zivilisation und Kultur sich, — abgesehen von den alten Hindu und Ägyptern, — ausschließlich bei den weißen Nationen findet und sogar bei manchen dunkeln Völkern die herrschende Kaste, oder Stamm, von hellerer Farbe, als die Übrigen, daher augenscheinlich eingewandert ist, z. B. die Brahmanen, die Inkas, die Herrscher auf den Südseeinseln, — dies beruht darauf, dass die Not die Mutter der Künste ist; weil nämlich die früh nach Norden ausgewanderten und dort allmählich weiß gebleichten Stämme daselbst im Kampfe mit der durch das Klima herbeigeführten, vielgestalteten Not alle ihre Intellektuellen Kräfte haben entwickeln und alle Künste erfinden und ausbilden müssen, um die Kargheit der Natur zu kompensieren. Daraus ist ihre hohe Zivilisation hervorgegangen. (P. II, 170.)

2) Unabhängigkeit der Geisteskultur und moralischen Güte der Nationen von einander.

Dem Dänen Bastholm in seinem Buche: Historische Nachrichten zur Kenntnis des Menschen im rohen Zustande fällt auf, dass Geisteskultur und moralische Güte der Nationen sich als ganz unabhängig von einander erweisen, indem die eine oft ohne die andere sich vorfindet. Dies ist daraus zu erklären, dass die moralische Güte keineswegs aus der Reflexion entspringt, deren Ausbildung von der Geisteskultur abhängt; sondern geradezu aus dem Willen selbst, dessen Beschaffenheit angeboren ist und der an sich selbst keiner Verbesserung durch Bildung fähig ist. (P. II, 245.)

3) Erklärung der Güte einzelner Nationen.

Bastholm schildert die meisten Nationen als sehr lasterhaft und schlecht; hingegen hat er von einzelnen wilden Völkern die vortrefflichsten allgemeinen Charakterzüge mitzuteilen. Da versucht er, das Problem zu lösen, woher es komme, dass einzelne Völkerschaften so ausgezeichnet gut sind, unter lauter bösen Nachbarn. Dies kann jedoch daraus erklärt werden, dass, da die moralischen Eigenschaften vom Vater erblich sind (s. Vererbung), in den erwähnten Fällen eine solche isolierte Völkerschaft aus Einer Familie entstanden, mithin dem selben Ahnherrn, der gerade ein guter Mann war, entsprossen ist und sich unvermischt erhalten hat. (P. II, 245.)

4) Gegensatz zwischen den nördlichen und südlichen Nationen.

Die nördlichen, kaltblütigen und phlegmatischen Völker stehen im Allgemeinen den südlichen, lebhaften und leidenschaftlichen an Geist merklich nach; obgleich, wie Bako überaus treffend bemerkt hat, wenn ein Mal ein Nordländer von der Natur hochbegabt wird, dies alsdann einen Grad erreichen kann, bis zu welchem kein Südländer je gelangt. Demnach ist es so verkehrt, als gewöhnlich, zum Maßstab der Vergleichung der Geisteskräfte verschiedener Nationen die großen Geister derselben zu nehmen; denn das heißt die Regel durch die Ausnahmen begründen wollen. Vielmehr ist es die große Pluralität jeder Nation, die man zu betrachten hat; denn eine Schwalbe macht keinen Sommer. (W. II, 319 fg.)
Dass nach Bako’s richtiger Bemerkung, wenn unter den viel stumpferen nordischen Nationen einmal ein eminenter Kopf entsteht, dieser alsdann auch die eminentesten unter den südlichen Nationen übertrifft, kommt vielleicht daher, dass er, als Nordländer, eine langsamere Reife hat, also die Periode, wo er ursprünglicher Auffassung fähig ist (nach Helvetius überhaupt bis zum 30ten oder 35ten Jahre) länger anhält, die Zeit seiner vollen Akme also länger ist und folglich mehreren sukzessiven Eindrücken von Außen offen steht, um darauf, als Anlässen, zu reagieren; zweitens besitzt er als Genie große Lebhaftigkeit, wie der Südländer, und hat doch, als Nordländer, vor jenem die Stetigkeit, Solidität und Festigkeit, also größere Besonnenheit voraus. (H. 385.)