Schopenhauers Kosmos

 

 Individuation. Individualität.

I. Individuation.

1) Prinzip der Individuation.

Zeit und Raum sind das Prinzip der Individuation. Denn Zeit und Raum allein sind es, mittelst welcher das dem Wesen und Begriff nach Gleiche und Eine doch als verschieden, als Vielheit neben und nach einander erscheint. (W. I, 134.) Worauf beruht alle Vielheit und numerische Verschiedenheit der Wesen? — Auf Raum und Zeit; durch diese allein ist sie möglich, da das Viele sich nur entweder als nebeneinander, oder als nacheinander denken und vorstellen lässt. Weil nun das gleichartige Viele die Individuen sind; so sind Raum und Zeit in der Hinsicht, dass sie die Vielheit möglich machen, das principium individuationis. (E. 267. W. I, 152; II, 550. H. 397 fg.)

2) Die im principio individuationis befangene Erkenntnis im Gegensatz zu der es durchschauenden.

Der Erkenntnis, wie sie, dem Willen zu seinem Dienst entsprossen, dem Individuum als solchem wird, stellt sich die Welt nicht so dar, wie sie dem Forscher sich enthüllt, als die Objektität des einen und alleinigen Willens zum Leben; sondern den Blick des rohen Individuums trübt, wie die Inder sagen, der Schleier der Maja; ihm zeigt sich, statt des Dinges an sich, nur die Erscheinung, in Zeit und Raum, dem principio individuationis, und in den übrigen Gestaltungen des Satzes vom Grunde, und in dieser Form seiner beschränkten Erkenntnis sieht er nicht das Wesen der Dinge, welches Eines ist, sondern dessen Erscheinungen, als gesondert, getrennt, unzählbar, sehr verschieden, ja entgegengesetzt. Der im principio individuationis Befangene, durch den Schleier der Maja Geblendete erkennt nicht sein eigenes Wesen in den Anderen wieder und sucht oft durch das Böse, d. h. durch Verursachung des fremden Leidens, dem Übel, dem Leiden des eigenen Individuums, zu entgehen. (W. I, 416 fg.) Die Individuation erhält den Willen zum Leben über sein eigenes Wesen im Irrtum. Der Tod ist eine Widerlegung dieses Irrtums und hebt ihn auf. Im Augenblicke des Sterbens werden wir inne, dass eine bloße Täuschung unser Dasein auf unsere Person beschränkt hatte. (W. II, 689.)
Die freiwillige Gerechtigkeit hat ihren innersten Ursprung in einem gewissen Grade der Durchschauung des principii individuationis; während in diesem der Ungerechte ganz und gar befangen bleibt. Diese Durchschauung kann nicht nur in dem hierzu erforderlichen, sondern auch in höherem Grade Statt haben, welcher zum positiven Wohlwollen und Wohltun, zur Menschenliebe, treibt. Während der Egoist und der Boshafte, im principio individuationis befangen, einen mächtigen Unterschied zwischen sich und den anderen Individuen machen, so erkennt der es Durchschauende, der Edle, dass der Unterschied zwischen ihm und den Anderen nur einer vergänglichen täuschenden Erscheinung angehört; er erkennt unmittelbar und ohne Schlüsse (also intuitiv), dass das Ansich seiner eigenen Erscheinung auch das der fremden ist, nämlich jener Wille zum Leben, welcher das Wesen jeglichen Dinges ausmacht und in Allem lebt; ja, dass dieses sich sogar auf die Tiere und die ganze Natur erstreckt; daher wird er auch kein Tier quälen. (W. I, 439 fg.; II, 688.)
Die Individuation ist real, das principium individuationis ist die Ordnung der Dinge an sich ist die allem Egoismus und aller Bosheit, so wie der Verkennung der ewigen Gerechtigkeit zu Grunde liegende Erkenntnis. Die Individuation ist bloße Erscheinung (Vorstellung) ist die Erkenntnis, auf welcher alle echte Tugend, so wie das Begreifen der ewigen Gerechtigkeit beruht, und welche auf ihrem Gipfel als Quietiv des Willens wirkend, die Resignation herbeiführt, das Aufgeben nicht bloß des Lebens, sondern des ganzen Willens zum Leben selbst. (E. 270 ff. W. I, 416—419. P. II, 337. W. I, 299. 355.)

3) Durchbrechung des principii individuationis im animalischen Magnetismus und in der Magie.

(S. Magie und Magnetismus.)

4) Das Grausen beim Irrewerden am principio individuationis.

So sehr auch das Bewusstsein befangen ist im principio individuationis und in Folge dessen Jeder eine absolute Scheidung zwischen seinem Selbst und den anderen Individuen macht, so lebt doch in der innersten Tiefe eines Jeden die ganz dunkle Ahndung, dass ihm die Anderen so fremd nicht sind, sondern er einen Zusammenhang mit ihnen hat, vor welchem das principium individuationis ihn nicht schützen kann. Aus dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen (ja vielleicht selbst den klügeren Tieren) gemeinsame Grausen, das sie plötzlich ergreift, wenn sie, durch irgend einen Zufall, irre werden am principio individuationis, indem der Satz vom Grunde, in irgend einer seiner Gestaltungen, eine Ausnahme zu erleiden scheint; z. B. wenn es scheint, dass irgend eine Veränderung ohne Ursache vor sich ginge, oder ein Gestorbener wieder da wäre, oder sonst irgendwie das Vergangene oder das Zukünftige gegenwärtig, oder das Ferne nahe wäre. Das ungeheure Entsetzen über so etwas gründet sich darauf, dass sie plötzlich irre werden an den Erkenntnisformen der Erscheinung, welche allein ihr eigenes Individuum von der übrigen Welt gesondert halten. (W. I, 417. H. 340 fg.)

II. Individualität.

1) Die Individualität als im Ding an sich wurzelnde Erscheinung.

Individualität gehört der bloßen Erscheinung an, indem sie als Vielheit des Gleichartigen durch die Formen der Erscheinung, Zeit und Raum bedingt ist. (W. II, 370 fg.; I, 324. 327.) Die Vielheit der Individuen ist durch Zeit und Raum, das Entstehen und Vergehen derselben durch Kausalität allein vorstellbar, in welchen Formen allen wir nur die verschiedenen Gestaltungen des Satzes vom Grunde erkennen, der das letzte Prinzip aller Endlichkeit, aller Individuation und die allgemeine Form der Vorstellung, wie sie in die Erkenntnis des Individuums als solchen fällt, ist. (W. I, 199.) Das Individuum als solches ist nicht frei; denn es ist nicht Wille als Ding an sich, sondern schon Erscheinung des Willens und als solche schon determiniert und in die Form der Erscheinung, den Satz vom Grunde, eingegangen. (W. I, 135.) Das Individuum, bei seinem unveränderlichen angeborenen Charakter, in allen seinen Äußerungen durch das Gesetz der Kausalität streng bestimmt, ist nur die Erscheinung. Das dieser zum Grunde liegende Ding an sich, als außer Raum und Zeit befindlich, frei von aller Sukzession und Vielheit der Akte, ist Eines und unveränderlich. (E. 175.) Die Individualität beruht jedoch nicht allein auf dem principio individuationis und ist daher nicht durch und durch bloße Erscheinung, sondern wurzelt im Dinge an sich. Wie tief nun aber hier ihre Wurzeln gehen, gehört zu den transzendenten, die Formen und Funktionen unseres Intellekts übersteigenden Fragen. (P. II, 243. H. 397 fg.) Es ließe sich auf die Frage, wie tief im Wesen an sich der Welt die Wurzeln der Individualität gehen, allenfalls noch antworten: sie gehen so tief, wie die Bejahung des Willens zum Leben; wo die Verneinung eintritt, hören sie auf; denn mit der Bejahung sind sie entsprungen. (W. II, 734.)
Die Individualität inhäriert zwar zunächst nur dem Intellekt, der, die Erscheinung abspiegelnd, der Erscheinung angehört, welche das principium individuationis zur Form hat. Aber sie inhäriert auch dem Willen, sofern der Charakter individuell ist; dieser selbst jedoch wird in der Verneinung des Willens aufgehoben. Die Individualität inhäriert also dem Willen nur in seiner Bejahung, nicht aber in seiner Verneinung. Bejahung des Willens zum Leben, Erscheinungswelt, Diversität aller Wesen, Individualität, Egoismus, Hass, Bosheit entspringen aus einer Wurzel; und ebenso andererseits Welt des Dinges an sich, Identität aller Wesen, Gerechtigkeit, Menschenliebe, Verneinung des Willens zum Leben. (W. II, 698.)

2) Die Individualität auf den verschiedenen Stufen der Natur.

Auf den oberen Stufen der Objektität des Willens sehen wir die Individualität bedeutend hervortreten, besonders beim Menschen, als die große Verschiedenheit individueller Charaktere, d. h. als vollständige Persönlichkeit, schon äußerlich ausgedrückt durch stark gezeichnete individuelle Physiognomie, welche die gesamte corporisation mitbegreift. Diese Individualität hat bei Weitem in solchem Grade kein Tier; sondern nur die oberen Tiere haben einen Anstrich davon, über den jedoch der Gattungscharakter noch ganz und gar vorherrscht. Während nun also jeder Mensch als eine besonders bestimmte und charakterisierte Erscheinung des Willens, sogar gewissermaßen als eine eigene Idee anzusehen ist, bei den Tieren aber dieser Individualcharakter im Ganzen fehlt und seine Spur immer mehr verschwindet, je weiter sie vom Menschen abstehen, die Pflanzen endlich gar keine andern Eigentümlichkeiten des Individuums mehr haben, als solche, die sich aus äußeren günstigen oder ungünstigen Einflüssen des Bodens, des Klimas und anderen Zufälligkeiten vollkommen erklären lassen; so verschwindet endlich im unorganischen Reiche der Natur gänzlich alle Individualität. Bloß der Kristall ist noch gewissermaßen als Individuum anzusehen. Die Individuen derselben Gattung von Kristallen können aber keinen anderen Unterschied haben, als den äußere Zufälligkeiten herbeiführen. Das Individuum aber als solches, d. h. mit Spuren eines individuellen Charakters, findet sich durchaus nicht mehr in der unorganischen Natur. Alle ihre Erscheinungen sind Äußerungen allgemeiner Naturkräfte, d. h. solcher Stufen der Objektivation des Willens, welche sich durchaus nicht (wie in der organischen Natur) durch die Vermittlung der Verschiedenheit der Individualitäten, die das Ganze der Idee teilweise aussprechen, objektivieren; sondern sich allein in der Spezies und diese in jeder einzelnen Erscheinung ganz und ohne alle Abweichung darstellen. (W. I, 155—157.)
Innerhalb der menschlichen Gattung ist die Individualität am stärksten ausgeprägt bei den Genies; denn ihre Originalität ist so groß, dass nicht nur ihre Verschiedenheit von den übrigen Menschen augenfällig wird, sondern auch zwischen allen je da gewesenen Genies selbst ein gänzlicher Unterschied des Charakters und Geistes Statt findet, vermöge dessen jedes derselben an seinen Werken der Welt ein Geschenk dargebracht hat, welches sie außerdem von gar keinem Andern in der gesamten Gattung jemals hätte erhalten können. Darum eben ist Ariostos natura lo fece, e poi ruppe lo stampo ein so überaus treffendes Gleichnis. (P. II, 89.)
Zu bewundern ist es, wie die Individualität jedes Menschen (d. h. dieser bestimmte Charakter mit diesem bestimmten Intellekt) gleich einem eindringenden Färbestoff, alle Handlungen und Gedanken desselben, bis auf die unbedeutendsten herab, genau bestimmt; in Folge wovon der ganze Lebenslauf, d. h. die äußere und innere Geschichte, des Einen so grundverschieden von der des Anderen ausfällt. (P. II, 24s.)

3) Die Sprache der Natur in Bezug auf die Individuen.

Die Form der Erscheinung des Willens zum Leben ist Zeit, Raum und Kausalität, mittelst dieser aber die Individuation, die es mit sich bringt, dass das Individuum entstehen und vergehen muss, was aber den Willen zum Leben, von dessen Erscheinung das Individuum gleichsam nur ein einzelnes Exemplar oder Specimen ist, so wenig anficht, als das Ganze der Natur gekränkt wird durch den Tod eines Individuums. Denn nicht dieses, sondern die Gattung allein ist es, woran der Natur gelegen ist, und auf deren Erhaltung sie mit allem Ernst dringt, indem sie für dieselbe so verschwenderisch sorgt, durch die ungeheure Überzahl der Keime und die große Macht des Befruchtungstriebes. Hingegen hat das Individuum für sie keinen Wert und kann ihn nicht haben, da unendliche Zeit, unendlicher Raum und in diesen unendliche Zahl möglicher Individuen ihr Reich sind; daher sie stets bereit ist, das Individuum fallen zu lassen. Ganz naiv spricht hierdurch die Natur selbst die große Wahrheit aus, dass nur die Ideen, nicht die Individuen eigentlich Realität haben, d. h. vollkommene Objektität des Willens sind. (W. I, 325; II, 401 fg. — Vergl. über das Verhältnis der Individuen zur Idee und zur Gattung die beiden Artikel Idee und Gattung.)
Die Natur widerspricht sich geradezu, je nachdem sie vom Einzelnen oder vom Allgemeinen aus, von Innen oder von Außen, vom Zentrum oder von der Peripherie aus redet. Ihr Zentrum nämlich hat sie in jedem Individuum; denn jedes ist der ganze Wille zum Leben. Daher, sei dasselbe auch nur ein Insekt, oder ein Wurm, die Natur selbst also aus ihm redet: Ich allein bin Alles in Allem, an meiner Erhaltung ist Alles gelegen, das Übrige mag zu Grunde gehen, es ist eigentlich nichts. Hingegen vom allgemeinen Standpunkt aus, also von außen, von der Peripherie aus, redet die Natur so: Das Individuum ist nichts und weniger als nichts. Millionen Individuen zerstöre ich tagtäglich, Millionen neuer Individuen schaffe ich jeden Tag, ohne alle Verminderung meiner hervorbringenden Kraft. Das Individuum ist nichts. Dieser offenbare Widerspruch lässt sich so erläutern: Jedes Individuum, indem es nach Innen blickt, erkennt in seinem Wesen, welches sein Wille ist, das Ding an sich, daher das überall allein Reale. Demnach erfasst es sich als den Kern und Mittelpunkt der Welt und findet sich unendlich wichtig. Blickt es hingegen nach Außen; so ist es auf dem Gebiete der Vorstellung, der bloßen Erscheinung, wo es sich sieht als ein Individuum unter unendlich vielen Individuen, sonach als ein höchst Unbedeutendes, ja gänzlich Verschwindendes. Folglich ist jedes, auch das unbedeutendste Individuum, jedes Ich, von Innen gesehen, Alles in Allem; von Außen gesehen hingegen, ist es nichts, oder doch so viel wie nichts. Hierauf beruht der große Unterschied zwischen Dem, was notwendig Jeder in seinen eigenen Augen, und, Dem, was er in den Augen aller Anderen ist, mithin der Egoismus, den Jeder Jedem vorwirft. (W. II, 687 fg. P. II, 236. Vergl. auch unter Bewusstsein: Duplizität des Bewusstseins.)

4) Zersetzung des Individuums durch den Tod.

Jeder hat einen väterlichen und einen mütterlichen Bestandteil (vergl. Vererbung); und wie diese durch die Zeugung vereint werden, so werden sie durch den Tod zersetzt, welcher also das Ende des Individuums ist. Dieses Individuum ist es, dessen Tod wir so sehr betrauern, im Gefühl, dass es wirklich verloren gehe, da es eine bloße Verbindung war, die unwiederbringlich aufhört. Es findet aber auch eine Palingenesie statt, indem der Wille beharrt und, die Gestalt eines neuen Wesens annehmend, einen neuen Intellekt erhält. Das Individuum zersetzt sich also wie ein Neutralsalz, dessen Basis sodann mit einer anderen Säure sich zu einem neuen Salz verbindet. (P. II, 293 fg. W. II, 574 fg.)
Die starre Unveränderlichkeit und wesentliche Beschränkung jeder Individualität, als solcher, müsste, bei einer endlosen Fortdauer derselben, endlich, durch ihre Monotonie, einen so großen Überdruss erzeugen, dass man, um ihrer nur entledigt zu sein, lieber zu Nichts würde. Unsterblichkeit der Individualität verlangen, heißt eigentlich einen Irrtum ins Unendliche perpetuieren wollen. Denn im Grunde ist doch jede Individualität nur ein spezieller Irrtum, Fehltritt, etwas das besser nicht wäre, ja wovon uns zurückzubringen der eigentliche Zweck des Lebens ist. (W. II, 561.) Die Individualität ist keine Vollkommenheit, sondern eine Beschränkung; daher ist, sie los zu werden, kein Verlust, vielmehr Gewinn. (P. II, 299.) Wenn man stirbt, sollte man seine Individualität abwerfen, wie ein altes Kleid, und sich freuen über die neue und bessere, die man jetzt, nach erhaltener Belehrung, dagegen annehmen wird. (P. II, 301.)
Wenn wir unser eigenes Wesen durch und durch, bis ins Innerste, ganz erkannt hätten, würden wir es lächerlich finden, die Unvergänglichkeit des Individuums zu verlangen; weil dies hieße, jenes Wesen selbst gegen eine einzelne seiner zahllosen Äußerungen — Fulgurationen aufgeben. (P. II, 301.)
Dem individuellen Dasein liegt ein ganz anderes, dessen Äußerung es ist, unter. Dieses kennt keine Zeit, also auch weder Fortdauer, noch Untergang. (P. II, 301.)

5) Psychologische Bemerkung über den Schmerz beim Tode eines befreundeten Individuums.

Der tiefe Schmerz, beim Tode jedes befreundeten Wesens, entsteht aus dem Gefühle, dass in jedem Individuum etwas Unaussprechliches, ihm allein Eigenes und daher durchaus Unwiederbringliches liegt. Omne individuum ineffabile. Dies gilt selbst vom tierischen Individuum, wo es am lebhaftesten Der empfinden wird, welcher zufällig ein geliebtes Tier tödlich verletzt hat und nun seinen Scheideblick empfängt, welches einen herzzerreißenden Schmerz verursacht. (P. II, 621.)

6) Psychologische Bemerkung über die Ursachen irriger Beurteilung fremder Individuen.

Dass wir uns so oft in Anderen irren ist nicht immer geradezu Schuld unserer Urteilskraft, sondern entspringt meistens daraus, dass unser Intellekt vom Willen und den Affekten beeinflusst ist, indem wir nämlich, ohne es zu wissen, gleich Anfangs durch Kleinigkeiten für, oder gegen sie eingenommen sind. Sehr oft liegt es auch daran, dass wir von den an ihnen wahrgenommenen Eigenschaften noch auf andere schließen, die wir für unzertrennlich von jenen, oder aber für mit ihnen unvereinbar halten, z. B. von wahrgenommener Freigebigkeit auf Gerechtigkeit, von Frömmigkeit auf Ehrlichkeit u. s. w., welches vielen Irrtümern die Türe öffnet, in Folge teils der Seltsamkeit der menschlichen Charaktere, teils der Einseitigkeit unseres Standpunktes. Zwar ist der Charakter durchweg konsequent und zusammenhängend, aber die Wurzel seiner sämtlichen Eigenschaften liegt zu tief, als dass man aus vereinzelten Daten bestimmen könnte, welche, im gegebenen Fall, zusammen bestehen können und welche nicht. (P. II, 622 fg.)