Schopenhauers Kosmos

 

 Askese.

1) Ursprung der Askese.

Die Askese hat ihren Ursprung in der das principium individuationis durchschauenden Erkenntnis, d. h. in jener Erkenntnis, welche den Unterschied zwischen dem eigenen und dem fremden Individuum aufhebt und die Einheit des Wesens in allen Erscheinungen intuitiv erkennt, welche Erkenntnis auch schon der echten Tugend zu Grunde liegt.
Wenn ein Mensch nicht mehr den egoistischen Unterschied zwischen sich und den Anderen macht, sondern am Leiden der Anderen so viel Anteil nimmt, als an seinem eigenen, so folgt von selbst, dass ein solcher in allen Wesen sein Selbst wiedererkennender Mensch auch die endlosen Leiden alles Lebenden als die seinen betrachten und so den Schmerz der ganzen Welt sich zueignen muss. Er erkennt das Ganze, fasst das Wesen desselben auf, sieht die Nichtigkeit alles Strebens ein, und diese Einsicht wird ihm zum Quietiv des Willens (s. Quietiv). Der Wille wendet sich nunmehr vom Leben ab, der Mensch gelangt zum Zustande der freiwilligen Entsagung, der Resignation, der Verneinung des Willens zum Leben. Das Phänomen, wodurch dieses sich kundgibt, der Abscheu vor dem Wesen der Welt, dem Willen zum Leben, ist der Übergang von der Tugend zur Askese. (W. I, 447—449. W. II, 694.)

2) Äußerungsweisen der Askese.

Die Askese äußert sich in der gänzlichen Gelassenheit und Gleichgültigkeit gegen die Dinge dieser Welt. Der Asket hütet sich, seinen Willen an irgend etwas zu hängen. Obgleich sein Leib den Geschlechtstrieb durch Genitalien ausspricht, will er keine Geschlechtsbefriedigung. Freiwillige, vollkommene Keuschheit ist der erste Schritt in der Askese. Sodann ferner zeigt sich die Askese in freiwilliger und absichtlicher Armut. Endlich, da der Asket den in seiner Person erscheinenden Willen selbst verneint, so widerstrebt er auch nicht, wenn ein Anderer es tut, d. h. ihm Unrecht zufügt. Daher freudiges und gelassenes Ertragen jedes Schadens, jeder Schmach, jeder Beleidigung. (W. I, 449—451.) Wie den Willen selbst, so mortifiziert er die Sichtbarkeit, die Objektität desselben, den Leib. Daher greift er zum Fasten, ja zur Kasteiung und Selbstpeinigung, um den Willen zu brechen. Dieses vorsätzliche Brechen des Willens durch Versagung des Angenehmen und Aufsuchen des Unangenehmen, die selbstgewählte büßende Lebensart und Selbstkasteiung zur anhaltenden Mortifikation des Willens, ist Askese im engeren Sinn. (W. I, 451. 463.)
Weil jedoch schon die vollkommene Übung der Tugenden der Gerechtigkeit und Menschenliebe ein starkes Beförderungsmittel der Verneinung des Willens zum Leben ist, indem sie ohne Entsagung unmöglich ist, weil also Armut, Entbehrungen und eigenes Leiden vielfacher Art schon durch die vollkommenste Ausübung der moralischen Tugenden herbeigeführt werden, so wird die Askese im engeren Sinne, also die vorsätzliche Selbstpeinigung, das Fasten, das härene Hemd und die Kasteiung, nicht mit Unrecht von Vielen als überflüssig verworfen. (W. II, 694 fg.)

3) Übereinstimmung der Askese verschiedener Länder und Religionen ihrem inneren Sinn und Geiste nach.

Man kann sich nicht genugsam verwundern über die Einhelligkeit, welche man findet, wenn man das Leben eines christlichen Büßenden und das eines indischen liest. Bei so grundverschiedenen Dogmen, Sitten und Umgebungen ist das Streben und das innere Leben Beider ganz dasselbe. (W. I, 460.) Quietismus, d. i. Aufgeben alles Willens, Askese, d. i. absichtliche Ertötung des Eigenwillens, und Mystifizismus, d. i. Bewusstsein der Identität seines eigenen Wesens mit dem aller Dinge, oder dem Kern der Welt, stehen in genauester Verbindung, so dass, wer sich zu einem derselben bekennt, allmählich auch zur Annahme der andern, selbst gegen seinen Vorsatz, geleitet wird. Nichts kann überraschender sein, als die Übereinstimmung der jene Lehren vortragenden Schriftsteller unter einander bei der allergrößten Verschiedenheit ihrer Zeitalter, Länder und Religionen. Sie bilden nicht etwa eine Sekte, vielmehr wissen sie meistenteils nicht von einander; ja, die indischen, christlichen, mohammedanischen Mystiker, Quietisten und Asketen sind sich in Allem heterogen, nur nicht im inneren Sinn und Geist ihrer Lehren. (W. II, 702.)
So viele Übereinstimmung, bei so verschiedenen Zeiten und Völkern, ist ein faktisch er Beweis, dass hier nicht eine Verschrobenheit und Verrücktheit der Gesinnung, sondern eine wesentliche und nur durch ihre Trefflichkeit sich selten hervortun de Seite der menschlichen Natur sich ausspricht. (W. I, 460.)

4) Grundverschiedenheit des Geistes des Kynismus von dem der Askese.

Die alten echten Kyniker, die ein für alle Mal jedem Besitz, allen Bequemlichkeiten und Genüssen entsagt, zeigen viel Ähnlichkeit mit den echten und besseren Bettelmönchen der Neuzeit. Jedoch liegt diese Ähnlichkeit nur in den Wirkungen, nicht in der Ursache. Sie treffen im Resultat zusammen, aber der Grundgedanke Beider ist ganz verschieden; bei den Mönchen ist er, wie bei den ihnen verwandten Saniassis, ein über das Leben hinausgestecktes Ziel, bei den Kynikern aber nur die Überzeugung, dass zur möglichsten Glückseligkeit in diesem Leben der Weg der Entsagung der kürzeste und leichteste sei. Die Grundverschiedenheit des Geistes des Kynismus von dem der Askese tritt augenfällig hervor an der Demut, als welche der Askese wesentlich, dem Kynismus aber so fremd ist, dass er im Gegenteil den Stolz und die Verachtung aller Übrigen im Schilde führt. (W. II, 170.)
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