Schopenhauers Kosmos

 

 Abrichtung.

1) Abrichtung der Tiere.

Die Abrichtung (Dressur) der Tiere beruht auf der Benutzung ihres Erinnerungsvermögens und der bei ihnen überaus starken Macht der Gewohnheit (s. Gewohnheit). Das Erinnerungsvermögen der Tiere ist, wie ihr gesamter Intellekt, auf das Anschauliche beschränkt und besteht zunächst bloß darin, dass ein wiederkehrender Eindruck sich als bereits dagewesen ankündigt, indem die gegenwärtige Anschauung die Spur einer früheren auffrischt; ihre Erinnerung ist daher stets durch das jetzt wirklich Gegenwärtige vermittelt. Dieses regt aber eben deshalb die Empfindung und Stimmung, welche die frühere Erscheinung hervorgebracht hatte, wieder an. Demnach erkennt der Hund die Bekannten, unterscheidet Freunde und Feinde, findet den einmal zurückgelegten Weg, die schon besuchten Häuser leicht wieder und wird durch den Anblick des Tellers oder den des Stocks sogleich in die entsprechende Stimmung versetzt. Auf der Benutzung dieses anschauenden Erinnerungsvermögens und der bei den Tieren überaus starken Macht der Gewohnheit beruhen alle Arten der Abrichtung. (W. II, 63.) Das Tier wird durch den gegenwärtigen Eindruck bestimmt; nur die Furcht vor dem gegenwärtigen Zwang kann seine Begierde zähmen, bis jene Furcht endlich zur Gewohnheit geworden ist und nunmehr als solche es bestimmt: das ist Dressur. (W. I, 44.) Die Dressur ist demnach die durch das Medium der Gewohnheit wirkende Furcht. (E. 34 und P. II, 620.) Sie macht nur eine scheinbare Ausnahme von der Bestimmbarkeit der Tiere durch bloß anschauliche und gegenwärtige Motive. (E. 34.)
Von der menschlichen Erziehung ist die Abrichtung gerade so verschieden wie Anschauen vom Denken. (W. II, 63.)

2) Abrichtung des Menschen.

Bei Menschen tritt häufig an die Stelle der Erziehung und Bildung eine Art von Abrichtung, namentlich beim großen Haufen. Sie wird bewerkstelligt durch Beispiel, Gewohnheit und sehr frühzeitiges festes Einprägen gewisser Begriffe, ehe irgend Erfahrung, Verstand und Urteilskraft da wären, das Werk zu stören (W. II, 74.) Ja, der Mensch übertrifft sogar an Abrichtungsfähigkeit alle Tiere. Die Moslem sind abgerichtet, fünfmal des Tages das Gesicht gegen Mekka gerichtet, zu beten; tun es unverbrüchlich. Christen sind abgerichtet, bei gewissen Gelegenheiten ein Kreuz zu schlagen, sich zu verneigen u. dgl.; wie denn überhaupt die Religion das rechte Meisterstück der Abrichtung ist, nämlich die Abrichtung der Denkfähigkeit (P. II, 638.)
Wie die Abrichtung der Tiere, so gelingt auch die des Menschen nur in früher Jugend vollkommen (P. II, 638.)
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