Schopenhauers Kosmos

 

 Zorn.

1) Der Zorn als Beweis des Primats des Willens.

Der Zorn beweist die Blindheit des Willens und den Primat desselben über den Intellekt. Denn entspränge das Wollen bloß aus der Erkenntnis, so müsste unser Zorn seinem jedesmaligen Anlass genau angemessen sein. So fällt es aber sehr selten aus; vielmehr geht der Zorn meistens weit über den Anlass hinaus. (W. II, 253.)

2) Wirkungen des Zornes.

a) Physiologische Wirkung des Zornes.

Anstrengungen der Irritabilität, imgleichen die rüstigen Affekte, wie Freude, Zorn u. dgl. beschleunigen mit dem Blutumlauf auch die Respiration; daher der Zorn keineswegs unbedingt schädlich ist und sogar, wenn er nur sich gehörig auslassen kann, auf manche Naturen, die eben deshalb instinktmäßig nach ihm streben, wohltätig wirkt, zumal er zugleich den Erguss der Galle befördert. (P. II, 177.)
Der Zorn macht schreien, stark auftreten und heftig gestikulieren; eben diese körperlichen Äußerungen aber vermehren ihrerseits den Zorn oder fachen ihn an, — ein Beweis von der Identität des Willens mit dem Leibe. (P. II, 619. Vergl. Leib.)

b) Psychologische Wirkung des Zornes.

Wie alle Affekte (vergl. Affekte), so wirkt auch der Zorn störend und verfälschend auf den Intellekt. Der Zorn lässt uns nicht mehr wissen, was wir tun, noch weniger, was wir sagen. (W. II, 241.)
Der kleinste Anlass genügt dem Zorn, indem er ihn in der Phantasie vergrößert. Der Zorn schafft nämlich sogleich ein Blendwerk, welches in einer monströsen Vergrößerung und Verzerrung seines Anlasses besteht. Dieses Blendwerk erhöht nun selbst wieder den Zorn und wird darauf durch diesen erhöhten Zorn selbst abermals vergrößert. So steigert sich fortwährend diese gegenseitige Wirkung, bis der furor brevis da ist. (P. II, 626.)

3) Gegenmittel gegen den Zorn.

Unseren Zorn, selbst wenn er gerecht ist, besänftigt nichts so schnell, wie hinsichtlich des Gegenstandes desselben die Erregung des Mitleids durch die Rede: es ist ein Unglücklicher. Denn was für das Feuer der Regen, das ist für den Zorn das Mitleid. (E. 238.)
Der vergrößernden Wirkung des Zornes vorzubeugen, sollten lebhafte Personen, sobald sie anfangen, sich zu ärgern, es über sich zu gewinnen suchen, dass sie die Sache für jetzt sich aus dem Sinne schlügen; denn dieselbe wird, wenn sie nach einer Stunde darauf zurückkommen, schon lange nicht so arg und bald vielleicht unbedeutend erscheinen. (P. II, 626.)

4) Verwandtschaft und Unterschied zwischen Zorn und Hass.

Der Hass verhält sich zum Zorn, wie die chronische zur akuten Krankheit. (P. II, 229.) Beide haben dies gemein, dass ihre Befriedigung süß ist und das Subjekt nach ihrer Auslassung, wenn sie nur auf keinen Widerstand gestoßen, sich entschieden wohler befindet. (P. II, 228.)

5) Lebensregel in Bezug auf den Zorn und Hass.

(S. Hass.)