Schopenhauers Kosmos

 

 Zeugung. Zeugungsakt.

1) Zeugung und Tod als wesentliche Momente des Lebens der Gattung.

(S. Tod.)

2) Das Instinktive des Zeugungsakts.

In der Brunst und im Akte der Zeugung weiß das Tier nicht, dass es sterben muss und dass durch sein gegenwärtiges Geschäft ein neues Individuum entstehen wird, um an seine Stelle zu treten. Es kennt also den Zweck der Zeugung nicht, sorgt aber doch für die Fortdauer seiner Gattung in der Zeit, als ob es ihn kennte. Sein Tun wird nicht von Erkenntnis geleitet, sondern ist ein instinktives. Beim Menschen ist zwar der Zeugungsakt von der Erkenntnis seiner Endursache begleitet, ist aber doch nicht von ihr geleitet, sondern geht unmittelbar aus dem Willen zum Leben hervor, als dessen Konzentration. Der Zeugungsakt ist demnach den instinktiven Handlungen beizuzählen; denn so wenig bei der Zeugung das Tier durch die Erkenntnis des Zwecks geleitet ist, so wenig ist es dieses bei den Kunsttrieben. (Vergl. Instinkt.) Die Zeugung ist gewissermaßen der bewunderungswürdigste der Kunsttriebe und sein Werk das erstaunlichste. (W. II, 584 fg.)

3) Der Zeugungsakt von der subjektiven und von der objektiven Seite angesehen.

Die Zeugung, dieser mit dem Tode gleich geheimnisvolle Vorgang, stellt uns den fundamentalen Gegensatz zwischen Erscheinung und Wesen an sich der Dinge, d. i. zwischen der Welt als Vorstellung und der Welt als Wille, wie auch die gänzliche Heterogenität der Gesetze Beider, am unmittelbarsten vor Augen. Der Zeugungsakt nämlich stellt sich uns auf zwiefache Weise dar: erstlich für das Selbstbewusstsein, dessen alleiniger Gegenstand der Wille mit allen seinen Affektionen ist, und sodann für das Bewusstsein anderer Dinge, d. i. der Welt der Vorstellung. (Über den Gegensatz des Selbstbewusstseins und des Bewusstseins anderer Dinge vergl. Bewusstsein.) Von der Willensseite nun, also innerlich, subjektiv, für das Selbstbewusstsein stellt jener Akt sich dar als die unmittelbarste Befriedigung des Willens, d. i. als Wollust. Von der Vorstellungsseite hingegen, also äußerlich, objektiv, für das Bewusstsein von anderen Dingen, ist eben dieser Akt die Grundlage des unaussprechlich komplizierten animalischen, als das planvolle Werk der tiefsten Überlegung erscheinenden Organismus. (W. II, 567.)

4) Innere Bedeutung des Zeugungsakts.

Die Natur, immer wahr und konsequent, in Angelegenheiten des Geschlechtstriebes sogar naiv, legt ganz offen die innere Bedeutung des Zeugungsakts vor uns dar. Das eigene Bewusstsein, die Heftigkeit des Triebes, lehrt uns, dass in diesem Akte sich die entschiedenste Bejahung des Willens zum Leben, rein und ohne weiteren Zusatz ausspricht, und nun in der Zeit und Kausalreihe erscheint als Folge des Akts ein neues Leben, vor den Erzeuger stellt sich der Erzeugte, in der Erscheinung von jenem verschieden, aber an sich, oder der Idee nach, mit ihm identisch. Daher ist es dieser Akt, durch den die Geschlechter der Lebenden sich jedes zu einem Ganzen verbinden und als solches perpetuieren. Die Zeugung ist in Beziehung auf den Erzeuger nur der Ausdruck, das Symptom seiner entschiedenen Bejahung des Willens zum Leben, in Beziehung auf den Erzeugten ist sie nicht etwa der Grund des in ihm erscheinenden Willens, sondern nur Gelegenheitsursache der Erscheinung dieses Willens zu dieser Zeit und an diesem Ort. (W. I, 387.)
Der Zeugungsakt verhält sich zur Welt, wie das Wort zum Rätsel. Nämlich die Welt ist weit im Raume und alt in der Zeit und von unerschöpflicher Mannigfaltigkeit der Gestalten. Jedoch ist dies Alles nur die Erscheinung des Willens zum Leben, und die Konzentration, der Brennpunkt dieses Willens, ist der Generationsakt. In diesem Akt also spricht das innere Wesen der Welt sich am deutlichsten aus. Als der deutlichste Ausdruck des Willens also ist jener Akt der Kern, das Kompendium, die Quintessenz der Welt. Daher geht uns durch ihn ein Licht auf über ihr Wesen und Treiben. (W. II, 652. P. II, 338.)

5) Wesensidentität des Erzeugten mit dem Erzeuger.

An die Befriedigung des Geschlechtstriebes knüpft sich der Ursprung eines neuen Daseins, also die Durchführung des Lebens mit allen seinen Lasten, Sorgen und Schmerzen von Neuem, in einem andern Individuum. Der Erzeuger hat die Wollust genossen, und dafür muss nun der Erzeugte leben, leiden und sterben. Wo bliebe da, wenn Beide, wie sie in der Erscheinung verschieden sind, es auch schlechthin und an sich wären, die ewige Gerechtigkeit? — Diese ist nur unter der Annahme zu retten, dass der Erzeugte von dem Erzeuger nur in der Erscheinung verschieden, an sich aber mit ihm identisch ist. (W. II, 650; I, 387. H. 407. Vergl. auch unter Gerechtigkeit: Die ewige Gerechtigkeit.)

6) Grund der Scham über das Zeugungsgeschäft.

Mit der Bejahung des Willens zum Leben über den eigenen Leib hinaus und bis zur Darstellung eines neuen durch den Zeugungsakt ist auch Leiden und Tod, als zur Erscheinung des Lebens gehörig, aufs Neue mitbejaht und die durch die vollkommenste Erkenntnisfähigkeit herbeigeführte Möglichkeit der Erlösung diesmal für fruchtlos erklärt. Hier liegt der tiefe Grund der Scham über das Zeugungsgeschäft. (W. I, 387 fg. — Über die zur Erlösung führende vollkommenste Erkenntnis vergl. Quietiv, und unter Wille: Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben.)
(Was die Scham über die Genitalien beweist, darüber s. Genitalien.)

7) Das Dasein als Paraphrase des Zeugungsakts.

Das Leben eines Menschen mit seiner endlosen Mühe, Not und Leiden ist anzusehen als die Erklärung und Paraphrase des Zeugungsaktes, d. i. der entschiedenen Bejahung des Willens zum Leben; zu derselben gehört auch noch, dass er der Natur einen Tod schuldig ist, und er denkt mit Beklemmung an diese Schuld. — Zeugt dies nicht davon, dass unser Dasein eine Verschuldung enthält. (W. II, 650.)
Der Akt, durch welchen der Wille sich bejaht und der Mensch entsteht, ist eine Handlung, deren Alle sich im Innersten schämen, die sie daher sorgfältig verbergen. Es ist eine Handlung, deren man bei kalter Überlegung meistens mit Widerwillen, in erhöhter Stimmung mit Abscheu gedenkt. Eine eigentümliche Betrübnis und Reue folgen ihr auf dem Fuße. Sie ist der Stoff zur Zotenreißerei. Aber einzig und allein mittelst der Ausübung einer so beschaffenen Handlung besteht das Menschengeschlecht. — Hätte nun der Optimismus Recht, wäre unser Dasein das dankbar zu erkennende Geschenk höchster Weisheit und Güte, da müsste doch wahrlich der Akt, welcher es perpetuiert, eine ganz andere Physiognomie tragen. Ist hingegen dieses Dasein eine Art Fehltritt, ein Irrweg, so muss der es perpetuierende Akt geradeso aussehen, wie er aussieht. (W. II, 661 fg. P. II, 338.)

8) Unterschied zwischen dem Anteil des Mannes und dem des Weibes an der Zeugung.

Der Anteil des Weibes an der Zeugung ist in gewissem Sinne schuldloser, als der des Mannes; sofern nämlich dieser dem zu Erzeugenden den Willen gibt, welcher die erste Sünde und daher die Quelle alles Bösen und Übels ist, das Weib hingegen die Erkenntnis, welche den Weg zur Erlösung eröffnet. (Vergl. Vererbung.) Der Generationsakt ist der Weltknoten, indem er besagt: der Wille zum Leben hat sich aufs Neue bejaht. Die Konzeption und Schwangerschaft hingegen besagt: dem Willen ist auch wieder das Licht der Erkenntnis beigegeben, mit welcher die Möglichkeit der Erlösung aufs Neue eingetreten ist. Hieraus erklärt sich die beachtenswerte Erscheinung, dass, während jedes Weib, wenn beim Generationsakt überrascht, vor Scham vergehen möchte, sie hingegen ihre Schwangerschaft ohne eine Spur von Scham, ja, mit einer Art Stolz, zur Schau trägt. Jedes andere Zeichen des vollzogenen Coitus beschämt das Weib im höchsten Grade, nur allein die Schwangerschaft nicht. Dies ist eben daraus zu erklären, dass die Schwangerschaft in gewissem Sinne eine Tilgung der Schuld, welche der Coitus kontrahiert, mit sich bringt oder wenigstens in Aussicht stellt. Der Coitus ist hauptsächlich die Sache des Mannes, die Schwangerschaft ganz allein die des Weibes. Vom Vater erhält das Kind den sündlichen Willen, von der Mutter den Intellekt, das erlösende Prinzip. Daher trägt der Coitus alle Scham und Schande der Sache, hingegen die ihm so nahe verschwisterte Schwangerschaft bleibt rein und unschuldig, ja wird gewissermaßen ehrwürdig. (P. II, 338 fg.)

9) Veredelung des Menschengeschlechts auf dem Wege der Zeugung.

(S. Veredelung.)

10) Abnahme der Naturheilkraft mit der Zeugungsfähigkeit.

(S. unter Natur: Entgegengesetztes Verhalten der Natur zu den Gattungen und zu den Individuen.)

11) Steigerung der Zeugungskraft durch antagonistische Ursachen.

Es ist ein Naturgesetz, dass die prolifike Kraft des Menschengeschlechts, welche nur eine besondere Gestalt der Zeugungskraft der Natur überhaupt ist, durch eine ihr antagonistische Ursache erhöht wird, also mit dem Widerstand wächst. Nehmen wir an, jene, der prolifiken Kraft antagonistische Ursache träte einmal durch Verheerungen, mittelst Seuchen, Naturrevolutionen u. s. w. in einer noch nie dagewesenen Größe und Wirksamkeit auf; so müsste nachher auch wieder die prolifike Kraft auf eine bis jetzt ganz unerhörte Höhe steigen. Gehen wir endlich in jener Verstärkung der antagonistischen Ursache bis zum äußersten Punkt, also der gänzlichen Ausrottung des Menschengeschlechts; so wird auch die so eingezwängte prolifike Kraft eine dem Druck angemessene Gewalt erlangen, mithin zu einer Anstrengung gebracht werden, die das jetzt unmöglich Scheinende leistet, nämlich, da ihr die generatio univoca, d. h. die Geburt des Gleichen vom Gleichen versperrt wäre, sich dann auf die generatio aequivoca werfen. (P. II, 162 fg.)