Schopenhauers Kosmos

 

 Wille. Wollen.

I. Wollen.

1) Das Subjekt des Wollens.

(S. Subjekt.)

2) Identität des Subjekts des Wollens mit dem Subjekt des Erkennens.

(S. Ich.)

3) Undefinierbarkeit des Wollens.

Weil das Subjekt des Wollens dem Selbstbewusstsein unmittelbar gegeben ist, lässt sich nicht weiter definieren, oder beschreiben, was Wollen sei; vielmehr ist es die unmittelbarste aller unserer Erkenntnisse, ja die, deren Unmittelbarkeit auf alle übrigen, als welche sehr mittelbar sind, zuletzt Licht werfen muss. (G. 144. H. 161. W. II, 219.)

4) Weisheit der Sprache in der Anwendung des Wortes Wollen.

(S. unter Sprache: Die Weisheit der Sprache.)

II. Wille.

A. Der Wille als Ding an sich.

1) In welchem Sinne der Wille als Ding an sich zu betrachten ist.

(S. Ding an sich.)

2) Gegensatz zwischen dem Willen und seiner Erscheinung.

Der Wille als Ding an sich ist von seiner Erscheinung gänzlich verschieden und völlig frei von allen Formen derselben, in welche er eben erst eingeht, indem er erscheint, die daher nur seine Objektität betreffen, ihm selbst fremd sind. Schon die allgemeinste Form aller Vorstellung, die des Objekts für ein Subjekt, trifft ihn nicht, noch weniger die dieser untergeordneten, die der Satz vom Grunde ausdrückt. Er liegt als Ding an sich außerhalb des Gebietes des Satzes vom Grunde in allen seinen Gestaltungen und ist folglich schlechthin grundlos, obwohl jede seiner Erscheinungen durchaus dem Satz vom Grunde unterworfen ist; er ist ferner frei von aller Vielheit, obwohl seine Erscheinungen in Zeit und Raum unzählig sind; er selbst ist Einer, jedoch nicht wie ein Objekt Eines ist, im Gegensatz zur möglichen Vielheit, noch auch wie ein Begriff Eines ist, der nur durch Abstraktion von der Vielheit entstanden ist; sondern er ist Eines als das, was außer Zeit und Raum, dem Prinzip der Individuation, der Möglichkeit der Vielheit (vergl. Individuation) liegt. (W. I, 134, 152.)
Der Wille als Ding an sich ist ferner, ungeachtet der Vielheit der Dinge in Zeit und Raum, welche sämtlich seine Objektität sind, unteilbar. Nicht ist etwa ein kleinerer Teil von ihm im Stein, ein größerer im Menschen, da das Verhältnis von Teil und Ganzem ausschließlich dem Raume angehört; sondern auch das Mehr und Minder trifft nur die Erscheinung, die Sichtbarkeit, die Objektivation des Willens. (Vergl. Objektivation.) Noch weniger aber, als die Abstufungen seiner Objektivation ihn selbst unmittelbar treffen, trifft ihn die Vielheit der Erscheinungen auf diesen verschiedenen Stufen. (W. I, 152 fg.)
Die jenseits der Erscheinung liegende, in dem Schaffen der Natur sich offenbarende Einheit des Willens ist eine metaphysische, mithin die Erkenntnis derselben transzendent, d. h. nicht auf den Funktionen unseres Intellekts beruhend und daher ein Abgrund der Betrachtung. (W. II, 366—368.)
Als grundlos ist der Wille an sich ferner frei (s. unter Freiheit: Die Freiheit als metaphysische Eigenschaft), und sein Streben ist ein endloses, hat kein Ziel. Die Frage: Was will denn zuletzt oder wonach strebt der das Wesen an sich der Welt ausmachende Wille? - diese Frage beruht auf Verwechslung des Dinges an sich mit der Erscheinung. Auf diese allein, nicht auf jenes erstreckt sich der Satz vom Grunde, dessen Gestaltung auch das Gesetz der Motivation ist. (Vergl. unter Grund: Satz vom Grunde des Handelns.) Überall lässt sich nur von Erscheinungen als solchen, von einzelnen Dingen, ein Grund angeben, nie vom Willen selbst, noch von der Idee, in der er sich adäquat objektiviert. So hat denn auch jeder einzelne Willensakt eines erkennenden Individuums ein Motiv, ein Ziel, aber das Wollen überhaupt und die bestimmte Art des Wollens hat keines. In der Tat gehört Abwesenheit alles Zieles, aller Grenzen, zum Wesen des Willens an sich, der ein endloses Streben ist. Der Wille weiß, wo ihn Erkenntnis beleuchtet, stets was er jetzt, was er hier will; nie aber was er überhaupt will. Jeder einzelne Akt hat einen Zweck, das gesamte Wollen keinen. (W. I, 194—196.)

3) Gegensatz zwischen dem magischen und physischen Wirken des Willens.

(S. Magie und Magnetismus.)

B. Objektivation des Willens in der Natur.

l) Objektivation im Allgemeinen.

(S. Objektivation.)

2) Besondere Objektivationsstufen.

(S. Natur und Naturkraft, so wie alle auf die besonderen Naturkräfte und Naturstufen bezüglichen Artikel.)

C. Darstellung der Stufen des Willens in der Kunst.

1) Die Kunst als Darstellung der Ideen oder Stufen des Willens überhaupt.

(S. Idee, Kunst, Kunstwerk, Genie.)

2) Die besonderen Künste als Darstellung besonderer Ideen.

(S. Architektur, Gartenkunst und Wasserleitungskunst, Skulptur, Malerei, Poesie.)

3) Gegensatz zwischen der Musik und den übrigen Künsten

(S. Musik.)

D. Die ethischen Willensbestimmungen und Willensäußerungen.

Über die ethischen Willensbestimmungen und Äußerungen s. Moral, Moralisch, und alle besonderen in das ethische Gebiet einschlagenden Artikel, wie Freiheit, Charakter, Gewissen, Gut, Böse, Pflicht, Tugend u. s. w.

E. Bejahung und Verneinung des Willens.

1) Bedeutung dieses Gegensatzes.

(S. unter Quietiv: Gegensatz zwischen Quietiv und Motiv.)

2) Identität dieses Gegensatzes mit dem christlichen Gegensatze zwischen Natur und Gnade.

(S. Gnade.)

3) Gegensatz zwischen Mensch und Tier in Hinsicht auf die Möglichkeit der Entscheidung zur Bejahung oder Verneinung des Willens.

Die Bejahung des Willens zum Leben ist beim Tiere unausbleiblich. Denn allererst im Menschen kommt der Wille, welcher die natura naturans ist, zur Besinnung. (Vergl. Besonnenheit.) Nachdem er nun im Menschen zur Besinnung gekommen ist, drängt sich ihm die Frage auf, woher und wozu das Alles sei, ob die Mühe und Not seines Lebens und Strebens wohl durch den Gewinn belohnt werde? — Demnach ist hier der Punkt, wo er, beim Lichte deutlicher Erkenntnis, sich zur Bejahung oder Verneinung des Willens zum Leben entscheidet. (W. II, 653 fg.)
Im Tiere bleibt die Erkenntnis dem Willen dienstbar. Im Menschen kann sie sich dieser Dienstbarkeit entziehen und frei von allen Zwecken des Wollens rein für sich, als bloßer klarer Spiegel der Welt, bestehen. Durch diese Art der Erkenntnis, aus welcher die Kunst hervorgeht (vergl. Kunst), kann, wenn sie auf den Willen zurückwirkt, die Selbstaufhebung desselben eintreten, d. i. die Resignation, welche das letzte Ziel, ja das innerste Wesen aller Tugend und Heiligkeit und die Erlösung von der Welt ist. (W. I, 181 fg, Vergl. unter Freiheit: Eintritt der Freiheit in die Erscheinung beim Menschen, und unter Mensch: Der Mensch als Wendepunkt des Willens zum Leben und als Erlöser der Natur.)

4) Phänomene der Bejahung.

Die Bejahung des Willens ist das von keiner Erkenntnis gestörte beständige Wollen selbst, wie es das Leben der Menschen im Allgemeinen ausfüllt. Statt Bejahung des Willens können wir, da schon der Leib des Menschen die Objektität des Willens ist, auch Bejahung des Leibes sagen. (W. I, 385.) Der Wille entzündet sich in Folge des Jedem wesentlichen Egoismus oft zu einem die Bejahung des eigenen Leibes weit übersteigenden Grade, welchen dann heftige Affekte und gewaltige Leidenschaften zeigen, in welchen das Individuum nicht bloß sein eigenes Dasein bejaht, sondern das der übrigen verneint und aufzuheben sucht, wo es ihm im Wege steht. (W. I, 387. 391—396. Vergl. Unrecht, Egoismus, Böse.)
Die Erhaltung des Leibes durch dessen eigene Kräfte ist ein so geringer Grad der Bejahung des Willens, dass, wenn es freiwillig bei ihm bliebe, wir annehmen könnten, mit dem Tode dieses Leibes sei auch der Wille erloschen, der in ihm erschien. Allein schon die Befriedigung des Geschlechtstriebes geht über die Bejahung der eigenen Existenz hinaus, bejaht das Leben über den Tod des Individuums in eine unbestimmte Zeit hinaus. Der Zeugungsakt ist die entschiedenste Bejahung des Willens zum Leben. Mit der Bejahung über den eigenen Leib hinaus und bis zur Darstellung eines neuen ist auch Leiden und Tod, als zur Erscheinung des Lebens gehörig, aufs Neue mitbejaht. (W. I, 387—390.)

5) Phänomene der Verneinung.

Phänomene der Verneinung des Willens zum Leben sind Askese und Heiligkeit. (Vergl. Askese und Heiligkeit.) Der Selbstmord, weit entfernt, Verneinung des Willens zu sein, ist ein Phänomen starker Bejahung. (Vergl. Selbstmord.)

6) Die zwei Wege zur Verneinung.

Die Verneinung des Willens zum Leben, welche Dasjenige ist, was man gänzliche Resignation oder Heiligkeit nennt, geht zwar immer aus dem Quietiv des Willens hervor, welches die Erkenntnis seines inneren Widerstreites und seiner wesentlichen Nichtigkeit ist, die sich im Leiden alles Lebenden aussprechen. Doch macht es einen Unterschied, ob das bloß rein erkannte Leiden, durch freie Aneignung desselben mittelst Durchschauung des principii individuationis (vergl. Individuation), oder ob das unmittelbar selbst empfundene Leiden jene Erkenntnis hervorruft. Es sind dies die zwei Wege zur Verneinung des Willens. (W. I, 470.) Der zweite Weg (δευτερος πλους) ist es, auf dem die Meisten zur Verneinung des Willens gelangen, da das vom Schicksal verhängte, selbstempfundene, nicht das bloß erkannte Leiden es ist, was am häufigsten die völlige Resignation herbeiführt, oft erst bei der Nähe des Todes. (W. I, 463 fg.)

7) Verhältnis des Moralischen zur Bejahung und Verneinung.

(S. unter Moralisch: Die über die Natur hinausgehende Quelle und Wirkung der Moralität.)

8) Das nach Verneinung des Willens übrig bleibende Nichts.

(S. Nichts.)