Schopenhauers Kosmos

 

 Ursache. Ursächlichkeit.

1) Das Gesetz der Ursächlichkeit und das Gebiet seiner Gültigkeit.

(S. unter Grund: Satz vom Grunde des Werdens.)

2) Apriorität des Kausalitätsgesetzes.

Die Bedingtheit der Anschauung durch die Anwendung des Kausalitätsgesetzes (vergl. unter Anschauung: Intellektualität der Anschauung) beweist, dass Zeit, Raum und Kausalität weder durch das Gesicht, noch durch das Getast, sondern überhaupt nicht von außen in uns kommen, vielmehr einen inneren, daher nicht empirischen, sonder Intellektuellen Ursprung haben. (G. §. 21.) Wirklich liegt in der Notwendigkeit eines von der, empirisch allein gegebenen Sinnesempfindung zur Ursache derselben zu machenden Überganges, damit es zur Anschauung der Außenwelt komme, der einzige echte Beweisgrund davon, dass das Gesetz der Kausalität vor aller Erfahrung uns bewusst ist. (W. II, 42 fg.)
Die Apriorität des Kausalitätsgesetzes wird jeden Augenblick durch die unerschütterliche Gewissheit bestätigt, mit der Jeder in allen Fällen von der Erfahrung erwartet, dass sie diesem Gesetze gemäß ausfalle, d. h. durch die Apodiktizität, die wir selbigem beilegen, die sich von jeder anderen auf Induktion gegründeten Gewissheit, z. B. der empirisch erkannter Naturgesetze, dadurch unterscheidet, dass es uns sogar zu denken unmöglich ist, dass dieses Gesetz irgendwo in der Erfahrungswelt eine Ausnahme leide. Wir können uns z. B. denken, dass das Gesetz der Gravitation ein Mal aufhörte zu wirken, nicht aber, dass dieses ohne eine Ursache geschähe. (G. 89 fg.)

3) Zwei Korollarien des Kausalitätsgesetzes.

Aus dem Gesetze der Kausalität ergeben sich zwei wichtige Korollarien, nämlich das Gesetz der Trägheit und das der Beharrlichkeit der Substanz. (Vergl. Trägheit und Substanz.)

4) Unterschied zwischen Ursache und Kraft.

(S. Kraft.)

5) Unterschied zwischen der ganzen Ursache und den einzelnen ursächlichen Momenten.

Dass, wenn ein Zustand, um Bedingung zum Eintritt eines neuen zu sein, alle Bestimmungen bis auf eine enthält, man diese eine, wenn sie zuletzt noch hinzutritt, die Ursache κατ εξοχην nennt, ist zwar insofern richtig, als man sich dabei an die letzte, hier allerdings entscheidende Veränderung hält; davon abgesehen aber hat, für die Feststellung der ursächlichen Verbindung der Dinge im Allgemeinen, eine Bestimmung des kausalen Zustandes dadurch, dass sie die letzte ist, die hinzutritt, vor den übrigen nichts voraus. Nur der ganze, den Eintritt des folgenden herbeiführende Zustand ist als die Ursache anzusehen. Die verschiedenen einzelnen Bestimmungen aber, welche erst zusammengenommen die Ursache komplettieren und ausmachen, kann man die ursächlichen Momente, oder auch die Bedingungen nennen und demnach die Ursache in solche zerlegen. (G. 35.)

6) Zeitverhältnis zwischen Ursache und Wirkung.

Zum wesentlichen Charakter der Ursache gehört es, dass sie allemal der Wirkung der Zeit nach vorhergehe, und nur daran wird ursprünglich erkannt, welcher von zwei durch den Kausalnexus verbundenen Zuständen Ursache und welcher Wirkung sei. Umgekehrt gibt es Fälle, wo uns aus früherer Erfahrung der Kausalnexus bekannt ist, die Sukzession der Zustände aber so schnell erfolgt, dass sie sich unserer Wahrnehmung entzieht, dann schließen wir mit völliger Sicherheit von der Kausalität auf die Sukzession, z. B. dass die Entzündung des Pulvers der Explosion vorhergeht. (G. 42. 151 fg. W. II, 44 fg.)

7) Die drei Formen der Ursächlichkeit.

Die Kausalität tritt in der Natur unter drei verschiedenen Formen auf: als Ursache im engsten Sinne, als Reiz, und als Motiv. Auf dieser Verschiedenheit beruht der wahre und wesentliche Unterschied zwischen unorganischem Körper, Pflanze und Tier.
Die Ursache im engsten Sinne ist die, nach welcher ausschließlich die Veränderungen im unorganischen Reiche erfolgen, also diejenigen Wirkungen, welche das Thema der Mechanik, der Physik und der Chemie sind. Von ihr allein gilt das dritte Newtonsche Grundgesetz: Wirkung und Gegenwirkung sind einander gleich. Ferner ist nur bei dieser Form der Kausalität der Grad der Wirkung dem Grade der Ursache stets genau angemessen, so dass aus dieser jene sich berechnen lässt und umgekehrt.
Die zweite Form der Kausalität ist der Reiz; sie beherrscht das organische Leben als solches, also das der Pflanzen, und den vegetativen, daher bewusstlosen Teil des tierischen Lebens. (Über den Gegensatz zwischen dem organischen und animalischen Leben vergl. Leben.) Sie charakterisiert sich durch Abwesenheit der Merkmale der ersten Form. Also sind hier Wirkung und Gegenwirkung einander nicht gleich, und keineswegs folgt die Intensität der Wirkung durch alle Grade der Intensität der Ursache.
Die dritte Form der Kausalität ist das Motiv; sie leitet das eigentlich animalische Leben, also das Thun, d. h. die äußeren, im Bewusstsein geschehenden Aktionen aller tierischen Wesen. (Über das Medium der Motive s. unter Bewusstsein: Ursprung und Zweck des Bewusstseins.) Die Wirkung eines Motivs ist von der eines Reizes augenfällig verschieden; die Einwirkung desselben nämlich kann sehr kurz, ja sie braucht nur momentan zu sein; denn ihre Wirksamkeit hat nicht, wie die des Reizes, irgend ein Verhältnis zu ihrer Dauer, zur Nähe des Gegenstandes u. dgl. m., sondern das Motiv braucht nur wahrgenommen zu sein, um zu wirken, während der Reiz stets des Kontakts, oft gar der Intussuszeption, allemal aber einer gewissen Dauer bedarf. (G. 46—48. E. 29—36. F. 18 ff. W. I, 137 fg. Über Motiv im Besonderen s. Motiv.)

8) Die Fasslichkeit des Zusammenhanges zwischen Ursache und Wirkung.

Überblicken wir die drei Formen der Kausalität in der Natur, so bemerken wir, die Reihe der Wesen in Hinsicht auf dieselben von unten nach oben durchgehend, dass die Ursache und ihre Wirkung mehr und mehr auseinander treten, sich deutlicher sondern und heterogener werden, wobei die Ursache immer weniger materiell und palpabel wird, daher denn immer weniger in der Ursache und immer mehr in der Wirkung zu liegen scheint, durch welches Alles zusammengenommen der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung an unmittelbarer Fasslichkeit und Verständlichkeit verliert. Aber bei dieser mehr und mehr eintretenden Heterogenität, Inkommensurabilität und Unverständlichkeit des Verhältnisses zwischen Ursache und Wirkung nimmt keineswegs auch die durch dasselbe gesetzte Notwendigkeit ab, sondern die auf Motive erfolgenden Handlungen, bei welchen die Inkommensurabilität des Verhältnisses zwischen Ursache und Wirkung ihren höchsten Grad erreicht, sind ebenso streng notwendig, wie die auf mechanische Ursachen erfolgenden Bewegungen unorganischer Körper. (E. 36—41. N. 87—90. Über den täuschenden Schein der Freiheit in den Handlungen s. unter Freiheit: Wo die moralische Freiheit liegt.)
Zwischen Ursache und Wirkung ist der Zusammenhang eigentlich so geheimnisvoll, wie der, welchen man dichtet zwischen einer Zauberformel und dem Geist, der durch sie herbeigerufen notwendig erscheint. (W. I, 158.) Die Zeugung, aus welcher man das Dasein eines gegebenen Tieres erklärt, ist im Grunde nicht geheimnisvoller, als der Erfolg jeder anderen, sogar der einfachsten Wirkung aus ihrer Ursache, indem auch bei einem solchen die Erklärung zuletzt auf das Unbegreifliche stößt. (P. II, 101.) Jede Erklärung aus Ursachen stößt zuletzt auf ein Unbegreifliches, Unerklärliches. (Vergl. Ätiologie und Erklärung.)

9) Wahrheit der Lehre von den gelegentlichen Ursachen.

Malebranche hat mit seiner Lehre von den gelegentlichen Ursachen (causes occasionelles) Recht. Jede natürliche Ursache ist nur Gelegenheitsursache, gibt nur Gelegenheit, Anlass zur Erscheinung jenes einen und unteilbaren Willens, der das Ansich aller Dinge ist und dessen stufenweise Objektivierung diese ganze sichtbare Weit ist. Nur das Hervortreten, das Sichtbarwerden an diesem Ort, zu dieser Zeit, wird durch die Ursache herbeigeführt, und ist insofern von ihr abhängig, nicht aber das Ganze der Erscheinung, nicht ihr inneres Wesen. Also alle Ursache ist Gelegenheitsursache. (W. I, 163 fg.)

10) Falschheit des Satzes: Die Wirkung kann nicht mehr enthalten, als die Ursache.

Der Satz: Die Wirkung kann nicht mehr enthalten, als die Ursache, also nichts, was nicht auch in dieser wäre, ist falsch, da die kleinste Ursache oft die größte Wirkung hervorruft. Statt jenes falschen Satzes sollte man sagen: Die Einwirkung eines Körpers auf einen anderen kann aus diesem nur die Äußerungen der in demselben als seine Qualitäten liegenden Kräfte hervorrufen, und diese Äußerungen treten jetzt als Wirkung auf. Diese kann reich und mannigfaltig sein, während der als Ursache auftretende Körper nur einer einseitigen und ärmlichen Äußerung fähig ist. (W. II, 48. H. 347 fg.)

11) Undenkbarkeit einer ersten Ursache und einer Ursache ihrer selbst.

Eine erste Ursache ist so unmöglich zu denken, wie ein Anfang der Zeit, oder eine Grenze des Raumes. Denn jede Ursache ist eine Veränderung, bei der man nach der ihr vorhergegangenen Veränderung, durch die sie herbeigeführt worden, notwendig fragen muss, und so in infinitum. (G. 37 fg. W. II, 48. P. I, 112. E. 27.) Causa prima ist eben so gut, wie causa sui, eine contradictio in adjecto. (G. 37.) Die Kette der Kausalität ist notwendig anfangslos. (G. 34.) Das Gesetz der Kausalität kann daher nicht dazu dienen, das Dasein Gottes zu beweisen. (S. unter Gott: Die Beweise für das Dasein Gottes und Kritik derselben.)
Causa sui ist eine contradictio in adjecto, ein Vorher, was nachher ist, ein freches Machtwort, die unendliche Kausalkette abzuschneiden. Das rechte Emblem der causa sui ist Münchhausen, sein im Wasser sinkendes Pferd mit den Beinen umklammernd und an seinem über den Kopf nach vorn geschlagenen Zopf sich mit samt dem Pferde in die Höhe ziehend; und darunter gesetzt: Causa sui. (G 15.)

12) Unzulässigkeit des Begriffes der Wechselwirkung.

(S. unter Grund: Wechselseitigkeit der Gründe.)

13) Die Beziehung des Gesetzes der Kausalität zum Erkenntnisgrund.

(S. unter Grund: Die Folge in der einen Gestalt als Grund in der andern.)

14) Die dem Gesetze der Kausalität entsprechende Art der Notwendigkeit.

(S. unter Grund: Die vierfache Notwendigkeit.)

15) Gegensatz der wirkenden und der Endursachen.

(S. Teleologie.)

16) Regel zur Bestimmung der Ursache einer Wirkung.

Um regelrecht und überlegt zu Werke zu gehen, muss man, ehe man zu einer gegebenen Wirkung die Ursache zu entdecken unternimmt, vorher diese Wirkung selbst vollständig kennen lernen, weil man allein aus ihr Data zur Auffindung der Ursache schöpfen kann und nur sie die Richtung und den Leitfaden zu dieser gibt. (F. 21.)
Um eine in ihren Wirkungen gegebene Erscheinung zu erklären, muss man, um die Beschaffenheit der Ursache gründlich zu bestimmen, erst diese Wirkung selbst genau kennen. (W. I, 629.)