Schopenhauers Kosmos

 

 Tier.

1) Der eigentliche Charakter der Tierheit.

Das Erkennen, mit dem durch dasselbe bedingten Bewegen auf Motive, ist der eigentliche Charakter der Tierheit, wie die Bewegung auf Reize der Charakter der Pflanze. Das Erkennen aber erfordert durchaus Verstand. Der Verstand also unterscheidet Tiere von Pflanzen, wie die Vernunft Menschen von Tieren. (Vergl. unter Pflanze: Grundunterschied zwischen Pflanze und Tier.) Alle Tiere haben Verstand, selbst die unvollkommensten; denn sie alle erkennen Objekte, und diese Erkenntnis bestimmt als Motiv ihre Bewegungen. (W. I, 24. G. 47. F. 17. E. 31 fg. N. 69. P. I, 276.)
Man hat auf vielerlei Weise versucht, ein Unterscheidungszeichen zwischen Tieren und Pflanzen festzusetzen, und nie etwas ganz Genügendes gefunden. Das Treffendste blieb noch immer motus spontaneus in victu sumendo. Aber dies ist nur ein durch das Erkennen begründetes Phänomen, also diesem unterzuordnen. Denn eine wahrhaft willkürliche, nicht aus mechanischen, chemischen oder physiologischen Ursachen erfolgende Bewegung geschieht durchaus nach einem erkannten Objekt, welches das Motiv jener Bewegung wird. — Dass in manchem Betracht das Tier zugleich Pflanze, ja auch unorganischer Körper ist, versteht sich von selbst. Aber der eigentliche Charakter der Tierheit im Tiere ist das Erkennen. (F. 18 fg.)
Die Tiere haben Verstand, ohne Vernunft zu haben, mithin anschauliche, aber keine abstrakte Erkenntnis; sie apprehendieren richtig, fassen auch den unmittelbaren Kausalzusammenhang auf, die oberen Tiere selbst durch mehrere Glieder seiner Kette; jedoch denken sie eigentlich nicht. Denn ihnen mangeln die Begriffe, d. h. die abstrakten Vorstellungen. Hiervon ist die nächste Folge der Mangel eines eigentlichen Gedächtnisses, welchem selbst die klügsten Tiere noch unterliegen, und dieser eben begründet hauptsächlich den Unterschied zwischen ihrem Bewusstsein und dem menschlichen. (W. II, 62—66. E. 33 fg.)

2) Die Tierarten.

Die verschiedenen Tiergestalten, in denen der Wille zum Leben sich darstellt, verhalten sich zu einander, wie der selbe Gedanke, in verschiedenen Sprachen und dem Geiste einer jeden derselben gemäß ausgedrückt, und die verschiedenen Spezies eines Genus lassen sich ansehen wie eine Anzahl Variationen auf das selbe Thema. Näher betrachtet jedoch ist jene Verschiedenheit der Tiergestalten abzuleiten aus der verschiedenen Lebensweise jeder Spezies und der aus dieser entspringenden Verschiedenheit der Zwecke. (P. II, 188.)
Über den Ursprung der Arten s. Generatio aequivoca und Spezies.

3) Identität des Wesentlichen in Tier und Mensch.

(S. Mensch.)

4) Unterschied zwischen Tier und Mensch.

(S. Mensch, und in Betreff einzelner Unterschiede s. Lachen, Weinen, Leidenschaft, Naivität, Narrheit, Sprache, Selbstmord, Tod.)

5) Gestalt und Lebensweise der Tiere.

(S. Organisch, Anatomie und Urtier.)

6) Intellekt der Tiere.

(S. Intellekt.)

7) Instinkt der Tiere.

(S. Instinkt.)

8) Dressur der Tiere.

(S. Abrichtung.)

9) Die Tiere in moralischer Hinsicht betrachtet.

Die Freiheit des Willens tritt erst dann ein, wenn der Wille, zur Erkenntnis seines Wesens an sich gelangt, aus dieser ein Quietiv erhält und eben dadurch der Wirkung der Motive entzogen wird, welche im Gebiet einer anderen Erkenntnisweise liegt, deren Objekte nur Erscheinungen sind. — Die Möglichkeit der also sich äußernden Freiheit ist der größte Vorzug des Menschen, der dem Tiere ewig abgeht, weil die Besonnenheit der Vernunft, welche, unabhängig vom Eindruck der Gegenwart, das Ganze des Lebens übersehen lässt, Bedingung derselben ist. Das Tier ist ohne alle Möglichkeit der Freiheit, wie es sogar ohne Möglichkeit einer eigentlichen, also besonnenen Wahlentscheidung, nach vorhergegangenem vollkommenen Konflikt der Motive, die hierzu abstrakte Vorstellungen sein müssten, ist. Mit eben der Notwendigkeit daher, mit welcher der Stein zur Erde fällt, schlägt der hungrige Wolf seine Zähne in das Fleisch des Wildes, ohne Möglichkeit der Erkenntnis, dass er der Zerfleischte sowohl als der Zerfleischende ist. (W. I, 478.)
Das Tier ist, da ihm die abstrakte oder Vernunft-Erkenntnis gänzlich fehlt, durchaus keiner Vorsätze, geschweige Grundsätze, und mithin keiner Selbstbeherrschung fähig, sondern dem Eindruck und Affekt wehrlos hingegeben. Daher eben hat es keine bewusste Moralität; wiewohl die Spezies große Unterschiede der Bosheit und Güte des Charakters zeigen, und in den obersten Geschlechtern selbst die Individuen. (E. 215. W. II, 65. N. 78.)
Ein Analogon von Moralität lässt sich den Tieren nicht absprechen, wenn man den verschiedenen empirischen Charakter der Tiere betrachtet, den Hund, den Elefanten vergleicht mit der Katze, der Hyäne, dem Krokodil; welcher empirische Charakter wohl die Äußerung eines intelligiblen sein möchte. (M. 314 fg.)

10) Die Tiere in ästhetischer Hinsicht betrachtet.

(S. unter Schön: Warum jedes Naturobjekt schön ist, und unter Malerei: Überwiegen der subjektiven oder objektiven Seite des ästhetischen Wohlgefallens.)

11) Das Tierleben als die deutlichste Exemplifikation der Nichtigkeit und des Leidens des Lebens.

Die Tierwelt ist besonders geeignet, zum deutlichen Bewusstsein zu bringen, dass zwischen den Mühen und Plagen des Lebens und dem Ertrag oder Gewinn desselben kein Verhältnis ist. Besonders ist in dieser Hinsicht die Betrachtung der sich selber überlassenen Tierwelt in menschenleeren Ländern belehrend. Am einfachen, leicht übersehbaren Leben der Tiere wird die Nichtigkeit und Vergeblichkeit des ganzen Strebens des Willens zum Leben leichter fasslich. Die Mannigfaltigkeit der Organisationen, die Künstlichkeit der Mittel, wodurch jede ihrem Elemente und ihrem Raube angepasst ist, kontrastiert hier deutlich mit dem Mangel irgend eines haltbaren Endzweckes; statt dessen sich nur augenblickliches Behagen, flüchtiger, durch Mangel bedingter Genuss, vieles und langes Leiden, beständiger Kampf, bellum omnium, Jedes ein Jäger und Jedes gejagt, Gedränge, Mangel, Not und Angst, Geschrei und Geheul darstellt. (W. II, 403—405.)

12) Die Haustiere.

Manche unserer Haustiere sind erst durch Zähmung und Humanisierung Das geworden, was sie sind; so z. B. des Menschen treuester Freund, der Hund, den Cuvier als seine kostbarste Eroberung bezeichnet. (H. 349. M. 170.)
Das den Tieren eigene, gänzliche Aufgehen in der Gegenwart trägt viel bei zu der Freude, die wir an unseren Haustieren haben; sie sind die personifizierte Gegenwart und machen uns gewissermaßen den Wert jeder unbeschwerten und ungetrübten Stunde fühlbar, während wir mit unseren Gedanken meistens über diese hinausgehen und sie unbeachtet lassen. Aber die angeführte Eigenschaft der Tiere, mehr, als wir, durch das bloße Dasein befriedigt zu sein, wird vom egoistischen und herzlosen Menschen missbraucht und oft dermaßen ausgebeutet, dass er ihnen außer dem bloßen kahlen Dasein nichts, gar nichts gönnt. Den Vogel, der organisiert ist, die halbe Welt zu durchstreifen, sperrt er in einen Kubikfuß Raum, und seinen treuesten Freund, den so intelligenten Hund, legt er an die Kette! (P. II, 318. 403, Vergl. auch den Artikel Hund.)