Schopenhauers Kosmos

 

 Offenbarung.

1) Kritik des Glaubens an übernatürliche Offenbarung.

Der ist nur noch ein großes Kind, welcher im Ernst denken kann, dass jemals Wesen, die keine Menschen waren, unserm Geschlecht Aufschlüsse über sein und der Welt Dasein und Zweck gegeben hätten. Es gibt keine andere Offenbarung, als die Gedanken der Weisen. Insofern ist es also einerlei, ob Einer im Verlass auf eigene, oder auf fremde Gedanken, lebt und stirbt; denn immer sind es nur menschliche Gedanken, denen er vertraut und menschliches Bedünken. Jedoch haben die Menschen in der Regel die Schwäche, lieber Andern, welche übernatürliche Quellen vorgeben, als ihrem eigenen Kopfe zu trauen. Fassen wir nun aber die so überaus große Intellektuelle Ungleichheit zwischen Mensch und Mensch ins Auge; so könnten allenfalls wohl die Gedanken des Einen dem Anderen gewissermaßen als Offenbarungen gelten. (P. II, 387.)

2) Über den Gegensatz zwischen Vernunft und Offenbarung.

Bei den christlichen Philosophen erhielt der Begriff der Vernunft eine ganz fremdartige Nebenbedeutung durch den Gegensatz zur Offenbarung, und hiervon ausgehend behaupten dann Viele mit Recht, dass die Erkenntnis der Verpflichtung zur Tugend auch aus bloßer Vernunft, d. h. auch ohne Offenbarung, möglich sei. Sogar auf Kants Darstellung und Wortgebrauch hat diese Rücksicht Einfluss gehabt. Allein jener Gegensatz ist eigentlich von positiver, historischer Bedeutung und daher ein der Philosophie fremdes Element, von welchem sie frei gehalten werden muss. (W. I, 618.)

3) Das Erbitternde des Vorgebens der Offenbarung.

Unter dem vielen Harten und Beklagenswerten des Menschenloses ist keines der geringsten dieses, dass wir da sind, ohne zu wissen, woher, wohin und wozu. Wer aber vom Gefühl dieses Übels ergriffen und durchdrungen ist, wird kaum umhin können, einige Erbitterung zu verspüren gegen Diejenigen, welche vorgeben, Spezialnachrichten darüber zu haben, die sie unter dem Namen von Offenbarungen uns mitteilen wollen. (P. II, 423.)