Schopenhauers Kosmos

 

 Neid.

1) Wesen des Neides.

Der Neid gehört zu den antimoralischen Triebfedern. Er ist eine Hauptquelle des Übelwollens, oder ist vielmehr selbst Übelwollen, erregt durch fremdes Glück, Besitz oder Vorzüge. Der Neid ist dem Mitleiden entgegengesetzt, sofern er nämlich durch den entgegengesetzten Anlass hervorgerufen wird; sein Gegensatz zum Mitleid beruht also zunächst auf dem Anlass, und erst in Folge hiervon zeigt er sich auch in der Empfindung selbst. (P. II, 230.) — In gewissem Betracht ist das Gegenteil des Neides die Schadenfreude. Jedoch ist Neid zu fühlen, menschlich, Schadenfreude zu genießen, teuflisch. Neid und Schadenfreude sind an sich bloß theoretisch; praktisch werden sie Bosheit und Grausamkeit. (E. 199 fg. P. II, 230 fg.)

2) Allgemeinheit und Natürlichkeit des Neides.

Kein Mensch ist ganz frei von Neid und schon Herodot (III, 80) hat auf den der menschlichen Natur eingepflanzten Neid hingewiesen. (E. 200.) Kein Mensch dürfte ganz frei von Neid befunden werden; denn dass der Mensch beim Anblick fremden Genuss und Besitzes den eigenen Mangel bitterer fühle, ist natürlich, ja unvermeidlich. (P. II, 231.) Neid ist dem Menschen natürlich. (P. I, 458.)

3) Der Neid als indirekter Beweis, dass die Menschen unglücklich sind.

Einen indirekten, aber sicheren Beweis davon, dass die Menschen sich unglücklich fühlen, folglich es sind, liefert zum Überfluss noch der Allen innewohnende, grimmige Neid, der in allen Lebensverhältnissen, auf Anlass jedes Vorzugs, welcher Art er auch sei, rege wird und sein Gift nicht zu halten vermag. Weil sie sich unglücklich fühlen, können die Menschen den Anblick eines vermeinten Glücklichen nicht ertragen. (W. II, 661. P. I, 458 Anmerk.) Neid ist das sichere Zeichen des Mangels, also, wenn auf Verdienste gerichtet, des Mangels an Verdiensten. (P. II, 496.)

4) Grade des Neides.

Die Grade des Neides sind sehr verschieden. Am unversöhnlichsten und giftigsten ist er, wenn auf persönliche Eigenschaften gerichtet, weil hier dem Neider keine Hoffnung bleibt, und zugleich am niederträchtigsten, weil er hasst, was er lieben und verehren sollte. (E. 200.) Wenn der Neid bloß durch Reichtum, Rang, oder Macht erregt wird, wird er noch oft durch den Egoismus gedämpft, indem dieser absieht, dass von dem Beneideten vorkommenden Falls Hilfe, Genuss, Beistand, Schutz, Beförderung u. s. w. zu hoffen steht, oder dass man wenigstens im Umgang mit ihm Ehre genießen kann; auch bleibt hier die Hoffnung übrig, alle jene Güter einst noch selbst zu erlangen. Hingegen für den auf Naturgaben und persönliche Vorzüge gerichteten Neid gibt es keinen Trost der einen und keine Hoffnung der andern Art. Daher sein bitterer und unversöhnlicher, auf Rache in allerlei Weise bedachter Hass gegen die durch Naturgaben Bevorzugten. (P. II, 231 fg.; I, 341.)

5) Üble Folgen des Neides.

Der Neid trägt zur Schlechtigkeit des Laufes der Welt ein Großes bei. Er ist nämlich die Seele des überall florierenden, stillschweigend und ohne Verabredung zusammenkommenden Bandes aller Mittelmäßigen gegen den einzelnen Ausgezeichneten in jeder Gattung. Zur Seltenheit des Vortrefflichen und zur Schwierigkeit, die es findet, verstanden und erkannt zu werden, kommt also noch jenes übereinstimmende Wirken des Neides Unzähliger, es zu unterdrücken, ja, wo möglich, es ganz zu ersticken. (P. II, 494—497. 232.)
(Über den Zusammenhang des Lobes der Bescheidenheit mit dem Neide s. Bescheidenheit.)

6) Verhaltensregeln gegen den Neid.

Neid ist ein Laster und ein Unglück zugleich. Wir sollen daher ihn als den Feind unseres Glückes betrachten und als einen bösen Dämon zu ersticken suchen. Hierzu ist dienlich, öfter Die zu betrachten, welche schlimmer daran sind, als wir, denn Die, welche besser daran zu sein scheinen. Sogar wird bei eingetretenen wirklichen Übeln uns dem wirksamsten, wiewohl aus der selben Quelle mit dem Neide fließenden Trost die Betrachtung größerer Leiden, als die unsrigen sind, gewähren, und nächstdem der Umgang mit Solchen, die mit uns im selben Falle sich befinden, mit den sociis malorum.
Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der passiven ist zu erwägen, dass kein Hass so unversöhnlich ist, wie der Neid; daher wir nicht unablässig und eifrig bemüht sein sollten, ihn zu erregen, vielmehr besser täten, diesen Genuss der gefährlichen Folgen wegen uns zu versagen. (P. I, 458 fg.)
Für unser Selbstgefühl freilich und unseren Stolz kann es nichts Schmeichelhafteres geben, als den Anblick des in seinem Verstecke lauernden und seine Machinationen betreibenden Neides; jedoch vergesse man nie, dass, wo Neid ist, Hass ihn begleitet und hüte sich, aus dem Neider einen falschen Freund werden zu lassen. Deshalb eben ist die Entdeckung desselben für unsere Sicherheit von Wichtigkeit. Daher soll man ihn studieren, um ihm auf die Schliche zu kommen; da er, überall zu finden, allemal inkognito einhergeht, aber auch, der giftigen Kröte gleich, im finsteren Loche lauert. Hingegen verdient er weder Schonung, noch Mitleid. (P. II, 232 fg.)

7) Was den Neid versöhnt.

Der Tod versöhnt den Neid ganz, das Alter schon halb. (H. 457.)

8) Überzahl der Beklagens- über die Beneidenswerten.

Sehr zu beneiden ist Niemand, sehr zu beklagen unzählige. (P. II, 321.)