Schopenhauers Kosmos

 

 Naturalismus.

1) Wesen des Naturalismus.

Der Naturalismus ist die auf den Thron der Metaphysik gesetzte Physik, oder die absolute Physik, d. h. eine Physik, welche behauptet, dass ihre Erklärungen der Dinge, — im Einzelnen aus Ursachen und im Allgemeinen aus Kräften, — wirklich ausreichend sei und also das Wesen der Welt erschöpft. (W. II, 193. P. II, 36 fg.) Der Naturalismus macht die Natura naturata zur Natura naturans. (W. II, 194.)

2) Der Naturalismus in der Geschichte der Philosophie.

Das Ausgehen vom Objektiven, welchem die so deutliche und fassliche äußere Anschauung zum Grunde liegt, ist ein dem Menschen so natürlicher und sich von selbst darbietender Weg, dass der Naturalismus und der Materialismus Systeme sind, auf welche die spekulierende Vernunft notwendig, ja, zu allererst geraten muss; daher wir gleich am Anfang der Geschichte der Philosophie den Naturalismus, in den Systemen der Ionischen Philosophie, und darauf den Materialismus, in der Lehre des Leukippos und Demokritos auftreten, ja, auch später von Zeit zu Zeit sich immer wieder erneuern sehen. (W. II, 361.)
Von Leukippos, Demokritos und Epikuros an, bis herab zum Systéme de la nature, dann zu Delamark, Cabanis und zu dem in den letzten Jahren wieder aufgewärmten Materialismus können wir den fortgesetzten Versuch verfolgen, eine Physik ohne Metaphysik aufzustellen, d. h. eine Lehre, welche die Erscheinung zum Dinge an sich macht. (W. II, 193 fg.)

3) Unzulänglichkeit des Naturalismus.

Mit dem Naturalismus oder der rein physikalischen Betrachtung wird man nie ausreichen; sie gleicht einem Rechnungsexempel, welches nimmermehr aufgeht. End- und anfangslose Kausalreihen, unerforschliche Grundkräfte, unendlicher Raum, anfangslose Zeit, endlose Teilbarkeit der Materie, und dieses Alles noch bedingt durch ein erkennendes Gehirn, in welchem allein es dasteht, so gut wie der Traum, und ohne welches es verschwindet, — machen das Labyrinth aus, in welchem sie uns unaufhörlich herumführt. (W. II, 195—197. 361. Vergl. auch unter Metaphysik: Verhältnis der Metaphysik zur Physik.)

4) Unvereinbarkeit des Naturalismus mit der Ethik.

(S. unter Atheismus: Was dem Vorwurf des Atheismus Kraft erteilt.)