Schopenhauers Kosmos

 

 Menschenliebe.

1) Die Menschenliebe als Kardinaltugend.

(S. Kardinaltugenden.)

2) Verhältnis der Menschenliebe zu der Gerechtigkeit.

(S. Gerechtigkeit.)

3) Quelle der Menschenliebe.

In der unmittelbaren, auf keine Argumentation gestützten, noch deren bedürfenden Teilnahme liegt der allein lautere Ursprung der Menschenliebe, der caritas, αγαπη, also derjenigen Tugend, deren Maxime ist: omnes, quantum potes, juva, und aus welcher alles Das fließt, was die Ethik unter dem Namen Tugendpflichten, Liebespflichten, unvollkommene Pflichten vorschreibt. Diese ganz unmittelbare, ja, instinktartige Teilnahme am fremden Leiden, also das Mitleid, ist die alleinige Quelle solcher Handlungen, wenn sie moralischen Wert haben, d. h. von allen egoistischen Motiven rein sein sollen. (E. 227 —229. — Vergl. auch Liebe.) Diese unmittelbare Teilnahme setzt voraus, dass ich mich mit dem Anderen gewissermaßen identifiziert habe, und folglich die Schranke zwischen Ich und Nicht-Ich für den Augenblick aufgehoben sei. Dieser Vorgang ist mysteriös. (E. 229.) Wer von der Tugend der Menschenliebe beseelt ist, hat sein eigenes Wesen in jedem Anderen wiedererkannt. Er durchschaut das principium individuationis. (W. II, 694. — Vergl. auch unter Gut: Wesen des guten Menschen, an sich selbst betrachtet, und unter Individuation: die im principio individuationis befangene Erkenntnis im Gegensatze zu der es durchschauenden.)

4) Geschichtliches.

Die Tugend der Menschenliebe fehlt bei Aristoteles, wie bei allen Alten. (E. 251.) Die Philosophen des Altertums haben zwar die Gerechtigkeit als Kardinaltugend anerkannt; hingegen haben sie die Menschenliebe noch nicht als Tugend aufgestellt. Selbst der zu der Moral sich am höchsten erhebende Plato gelangt doch nur bis zur freiwilligen, uneigennützigen Gerechtigkeit. Erst das Christentum hat die Menschenliebe förmlich als Tugend, und zwar als die größte von allen, aufgestellt, sogar auch auf die Feinde ausgedehnt. Hierin besteht das größte Verdienst des Christentums, wiewohl nur hinsichtlich auf Europa; da in Asien schon tausend Jahre früher die unbegrenzte Liebe des Nächsten gelehrt und geübt worden. — Spuren der Anerkennung der Menschenliebe lassen sich übrigens auch bei den Alten finden. (E. 226.)