Schopenhauers Kosmos

 

 Materie.

1) Die reine Materie und ihre apriorischen Bestimmungen.

Die Materie ist durch und durch Kausalität. Da nun der Verstand das subjektive Korrelat der Kausalität ist, so ist die Materie nur für den Verstand da, er ist ihre Bedingung, ihr Träger, als ihr notwendiges Korrelat. (W. I, 13. 160. Vergl. auch über das Korrelat der Materie unter Intellekt: der reine Intellekt.) Die Materie, bloß nach ihrer Beziehung zu den Formen des Intellekts, nicht aber zum Dinge an sich betrachtet, ist die objektive, jedoch ohne nähere Bestimmung aufgefasste Wirksamkeit überhaupt. Denn das Materielle ist das Wirkende (Wirkliche) überhaupt und abgesehen von der spezifischen Art seines Wirkens. Daher ist die reine Materie nicht Gegenstand der Anschauung, sondern allein des Denkens, folglich eine Abstraktion; in der Anschauung hingegen kommt sie nur in Verbindung mit der Form und Qualität vor, als Körper, d. h. als eine ganz bestimmte Art des Wirkens. Die reine Materie, welche allein den wirklichen und berechtigten Inhalt des Begriffs Substanz ausmacht, ist die objektivierte Kausalität selbst, den Raum erfüllend und in der Zeit beharrend. Als solche gehört sie dem formellen Teil unserer Erkenntnis an. Insofern aber ist die Materie eigentlich auch nicht Gegenstand, sondern Bedingung der Erfahrung. Sie ist das durch die Formen unseres Intellekts notwendig herbeigeführte bleibende Substrat aller vorübergehenden Erscheinungen, das unter allem Wechsel schlechthin Beharrende, also das zeitlich Anfangs- und Endlose. Von den eigentlichen Anschauungen a priori unterscheidet sie als ein a priori gedachtes sich zwar dadurch, dass wir sie auch ganz wegdenken können, Raum und Zeit hingegen nimmermehr. Aber die ein Mal in sie hineingesetzte und demnach als vorhanden gedachte Materie können wie schlechterdings nicht mehr wegdenken; insofern also ist sie mit unserm Erkenntnisvermögen eben so unzertrennlich verknüpft, wie Raum und Zeit selbst. Jedoch der Unterschied, dass sie dabei zuerst beliebig als vorhanden gesetzt sein muss, deutet schon an, dass sie nicht so gänzlich dem formalen Teil unserer Erkenntnis angehört, wie Raum und Zeit, sondern zugleich ein nur a posteriori gegebenes Element enthält. Sie ist in der Tat der Anknüpfungspunkt des empirischen Teils unserer Erkenntnis an den reinen apriorischen, mithin der eigentümliche Grundstein der Erfahrungswelt. (W. II, 346—348; I, 10. 582; II, 52. G. 82 fg. — Über das Zusammenfallen der Essenz und Existenz bei der reinen Materie vergl. Essentia und Existentia.)
Da die Kausalität den Raum mit der Zeit vereinigt und im Wirken, also in der Kausalität, das ganze Wesen der Materie besteht; so müssen auch in dieser Raum und Zeit vereinigt sein, d. h. sie muss die Eigenschaften der Zeit und die des Raumes, so sehr sich beide widerstreiten, zugleich an sich tragen, und was in jedem von jenen beiden für sich unmöglich ist, muss sie in sich vereinigen, also die bestandlose Flucht der Zeit mit dem starren unveränderlichen Beharren des Raumes; die unendliche Teilbarkeit hat sie von beiden. Erst durch die Vereinigung von Zeit und Raum erwächst die Materie, d. i. die Möglichkeit des Zugleichseins und dadurch der Dauer, durch diese wieder des Beharrens der Substanz bei der Veränderung der Zustände. Im Verein von Zeit und Raum ihr Wesen habend, trägt die Materie durchweg das Gepräge von beiden. Sie beurkundet ihren Ursprung aus dem Raum, teils durch die Form, die von ihr unzertrennlich ist, besonders aber durch ihr Beharren (Substanz); ihren Ursprung aus der Zeit aber offenbart sie an der Qualität (Akzidenz), ohne die sie nie erscheint, und welche schlechthin immer Kausalität, Wirken auf andere Materie, also Veränderung (ein Zeitbegriff), ist. Die Gesetzmäßigkeit dieses Wirkens aber bezieht sich immer auf Raum und Zeit zugleich. Was für ein Zustand zu dieser Zeit an diesem Ort eintreten muss, ist die Bestimmung, auf welche ganz allein die Gesetzgebung der Kausalität sich erstreckt. Auf dieser Ableitung der Grundbestimmungen der Materie aus den uns a priori bewussten Formen unserer Erkenntnis beruht es, dass wir ihr gewisse Eigenschaften a priori zuerkennen, nämlich Raumerfüllung, d. i. Undurchdringlichkeit, d. i. Wirksamkeit, sodann Ausdehnung, unendliche Teilbarkeit, Beharrlichkeit, d. h. Unzerstörbarkeit, und endlich Beweglichkeit. Hingegen ist die Schwere, ihrer Ausnahmslosigkeit ungeachtet, doch wohl der Erkenntnis a posteriori beizuzählen. (W. I, 10—13. 561; II, 350 und II, 55, Tafel der Praedicabilia a priori der Materie. G. 43 fg.)

2) Die Materie im Verhältnis zum Ding an sich.

Die Materie ist Dasjenige, wodurch der Wille, der das innere Wesen der Dinge ausmacht, in die Wahrnehmbarkeit tritt, anschaulich, sichtbar wird. In diesem Sinne ist also die Materie die bloße Sichtbarkeit des Willens, oder das Band der Welt als Wille mit der Welt als Vorstellung. Dieser gehört sie an, sofern sie das Produkt der Funktionen des Intellekts ist, jener, sofern das in allen materiellen Wesen, d. i. Erscheinungen sich Manifestierende der Wille ist. Daher ist jedes Objekt als Ding an sich Wille, und als Erscheinung Materie. Könnten wir eine gegebene Materie von allen ihr a priori zukommenden Eigenschaften, d. h. von allen Formen unserer Anschauung und Apprehension entkleiden; so würden wir das Ding an sich übrig behalten, nämlich Dasjenige, was, mittelst jener Formen, als das rein Empirische an der Materie auftritt, welche selbst aber alsdann nicht mehr als ein Ausgedehntes und Wirkendes erscheinen würde; d. h. wir würden keine Materie mehr vor uns haben, sondern den Willen, das Ding an sich. Eben dieses tritt, indem es zur Erscheinung wird, d. h. in die Formen unseres Intellekts eingeht, als die Materie auf, d. h. als der selbst unsichtbare, aber notwendig vorausgesetzte Träger nur durch ihn sichtbarer Eigenschaften; in diesem Sinn also ist die Materie die Sichtbarkeit des Willens. Alle bestimmte Eigenschaft, also alles Empirische an der Materie, beruht auf Dem, was nur mittelst der Materie sichtbar wird, auf dem Ding an sich, dem Willen. Die Materie ist demzufolge der Wille selbst, aber nicht mehr an sich, sondern sofern er angeschaut wird, d. h. die Form der objektiven Vorstellung annimmt. Also was objektiv Materie ist, ist subjektiv Wille. Die Materie gibt alle Beziehungen und Eigenschaften des Willens im zeitlichen Bilde wieder. Sie ist der Stoff der anschaulichen Welt, wie der Wille das Wesen an sich aller Dinge ist. Die Gestalten sind unzählig, die Materie ist Eine, eben wie der Wille Einer ist in allen seinen Objektivationen. Wie der Wille sich nie als Allgemeines, d. h. als Wille schlechthin, sondern stets als Besonderes, d. h. unter speziellen Bestimmungen und gegebenem Charakter, objektiviert, so erscheint die Materie nie als solche, sondern stets in Verbindung mit irgend einer Form und Qualität. Wie der Wille der innerste Kern aller erscheinenden Wesen ist; so ist sie die Substanz, welche nach Aufhebung aller Akzidenzien übrig bleibt. Wie der Wille das schlechthin Unzerstörbare in allem Daseienden ist; so ist die Materie das in der Zeit Unvergängliche, welches unter allen Veränderungen beharrt. (W. II, 349—351.)

3) Verhältnis der Materie zur Form.

(S. Form.)

4) Verhältnis der Materie zur Idee und ihrer Erscheinung.

Die Materie als solche kann nicht Darstellung einer Idee sein. Denn sie ist durch und durch Kausalität, Kausalität aber ist Gestaltung des Satzes vom Grunde; Erkenntnis der Idee hingegen schließt wesentlich den Inhalt jenes Satzes aus. Auch ist die Materie das gemeinsame Substrat aller einzelnen Erscheinungen der Ideen, folglich das Verbindungsglied zwischen der Idee und der Erscheinung oder dem einzelnen Ding. Also aus dem einen sowohl, als aus dem anderen Grunde kann die Materie für sich keine Idee darstellen. Dagegen muss andererseits jede Erscheinung einer Idee, da sie als solche eingegangen ist in die Form des Satzes vom Grunde, oder in das principium individuationis an der Materie, als Qualität derselben sich darstellen. Insofern ist also die Materie das Bindungsglied zwischen der Idee und dem principio individuationis. Platon hat daher ganz richtig neben der Idee und ihrer Erscheinung, dem einzelnen Dinge, nur noch die Materie als ein Drittes, von beiden Verschiedenes aufgestellt. (W. I, 251 fg.)

5) Gegen die Verwechslung von Materie und Stoff.

Unsere heutigen Unwissenden Materialisten verwechseln den Stoff mit der Materie. Stoff ist die empirisch gegebene, schon in die Hülle der Formen eingegangene Materie. (W. II, 33. 52. 352.) Der Stoff ist die schon qualifizierte Materie, d. h. die Verbindung der Materie mit der Form, welche sich auch wieder trennen könnten. Das Beharrende ist allein die Materie, nicht der Stoff, als welcher möglicherweise immer noch ein anderer werden kann. Es ist daher falsch, von Unsterblichkeit des Stoffs, wie Büchner tut, statt von Beharrlichkeit der Materie, zu reden und einen empirischen Beweis für dieselbe zu geben, während sie doch eine apriorische Wahrheit ist. (P. II, 61.)

6) Verhältnis des Begriffs Materie zu dem Begriff Substanz.

Von dem abstrakten Begriff der Materie ist Substanz wieder eine Abstraktion, folglich ein höheres Genus, dadurch entstanden, dass man von dem Begriff der Materie nur das Prädikat der Beharrlichkeit stehen ließ, alle ihre übrigen, wesentlichen Eigenschaften, Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Teilbarkeit u. s. w. aber wegdachte. Wie jedes höhere Genus enthält also der Begriff Substanz weniger in sich, als der Begriff Materie; aber er enthält nicht dafür, wie sonst immer das höhere Genus, mehr unter sich, indem er nicht mehrere niedere genera neben der Materie umfasst; sondern diese bleibt die einzige wahre Unterart des Begriffes Substanz, das einzige Nachweisbare, wodurch sein Inhalt realisiert wird und einen Beleg erhält. (W. I, 582; II. 347. P. I, 76. G. 44.)

7) Kritik des Gegensatzes zwischen Geist und Materie.

(S. Geist.)