Schopenhauers Kosmos

 

 Magie und Magnetismus.

1) Übernatürlichkeit des magischen und magnetischen Wirkens.

Animalischer Magnetismus, sympathetische Kuren, Magie, zweites Gesicht, Wahrträumen, Geistersehen und Visionen aller Art sind verwandte Erscheinungen, Zweige Eines Stammes, und geben sichere, unabweisbare Anzeige von einem Nexus der Wesen, der auf einer ganz anderen Ordnung der Dinge beruht, als die Natur ist, als welche zu ihrer Basis die Gesetze des Raumes, der Zeit und der Kausalität hat; während jene andere Ordnung eine tiefer liegende, ursprünglichere und unmittelbarere ist, daher vor ihr die ersten und allgemeinsten, weil rein formalen Gesetze der Natur ungültig sind, demnach Zeit und Raum die Individuen nicht mehr trennen und die eben auf jenen Formen beruhende Vereinzelung und Isolation derselben nicht mehr der Mitteilung der Gedanken und dem unmittelbaren Einfluss des Willens unübersteigbare Grenzen setzt. (P. I, 282.) Demgemäß ist der eigentümliche Charakter sämtlicher hier in Rede stehender, anomaler Phänomene visio in distans et actio in distans, sowohl der Zeit, als dem Raume nach. (P. I, 282.) Eine magnetische oder überhaupt magische Einwirkung ist von jeder andern, durch den influxus physicus geschehenden, toto genere verschieden, indem sie eine eigentliche actio in distans ist, welche der zwar vom Einzelnen ausgehende Wille dennoch in seiner metaphysischen Eigenschaft, als das allgegenwärtige Substrat der ganzen Natur, vollbringt. Von der ursprünglichen Allmacht des Willens, welche in der Darstellung und Erhaltung der Organismen ihr Werk vollbringt, wird im magischen Wirken gleichsam ein Überschuss ausnahmsweise tätig. (W. II, 372.) Im magischen Wirken gibt sich die Allmacht des Willens, im somnambulen Hellsehen die Allwissenheit kund. (M. 201 fg. 456. P. I, 281; II, 44 fg.)
Im animalischen Magnetismus verrichtet der Wille, das Ding an sich, das allein Reale in allem Dasein, der Kern der Natur, vom menschlichen Individuum aus und darüber hinaus Dinge, welche nach der Kausalverbindung, d. h. dem Gesetz des Naturlaufs, nicht zu erklären sind, ja, dieses Gesetz gewissermaßen aufheben; er übt wirkliche actio in distans aus und legt mithin eine übernatürliche, d. i. metaphysische Herrschaft über die Natur an den Tag. Der animalische Magnetismus tritt demnach geradezu als die praktische Metaphysik auf; er ist die empirische oder Experimental-Metaphysik. — Weil ferner im animalischen Magnetismus der Wille als Ding an sich hervortritt, sehen wir das der bloßen Erscheinung angehörige principium individuationis (Raum und Zeit) alsbald vereitelt; seine die Individuen sondernden Schranken werden durchbrochen; zwischen Magnetiseur und Somnambule sind Räume keine Trennung, Gemeinschaft der Gedanken und Willensbewegungen tritt ein; der Zustand des Hellsehens setzt über die der bloßen Erscheinung angehörenden, durch Raum und Zeit bedingten Verhältnisse, Nähe und Ferne, Gegenwart und Zukunft hinaus. (N. 104 fg. W. II, 372. 689. P. I, 285.) Das Hellsehen ist eine Bestätigung der Kantischen Lehre von der Idealität des Raums, der Zeit und der Kausalität, die Magie aber überdies auch eine Bestätigung der Schopenhauerschen Lehre von der alleinigen Realität des Willens, als des Kerns aller Dinge; hierdurch nun wieder wird auch noch der Bakonsche Ausspruch, dass die Magie die praktische Metaphysik sei, bestätigt. (P. I, 320 fg. 283.) Auf der metaphysischen Identität des Willens, als des Dinges an sich, bei der zahllosen Vielheit seiner Erscheinungen, beruhen überhaupt drei Phänomene, welche man unter den gemeinsamen Begriff der Sympathie bringen kann: 1) das Mitleid; 2) die Geschlechtsliebe; 3) die Magie, zu welcher auch der animalische Magnetismus und die sympathetischen Kuren gehören. (W. II, 689.) Den Dingen mit Umgehung des principii individuationis geradezu von innen, statt auf dem gewöhnlichen Wege von außen, beizuwohnen, und so uns derselben, im Hellsehen erkennend, in der Magie wirkend, zu bemächtigen, — eine Leistung dieser Art ist nur metaphysisch begreiflich, physisch ist sie eine Unmöglichkeit. (P. I, 320 fg.)

2) Gegensatz zwischen dem magischen und physischen Wirken.

Die Magie ist ein von den kausalen Bedingungen des physischen Wirkens, also des Kontakts, im weitesten Sinne des Worts, befreites unmittelbares Wirken des Willens selbst. Das magische verhält sich daher zum physischen Wirken, wie die Mantik zur vernünftigen Konjektur; es ist wirkliche und gänzliche actio in distans, wie die echte Mantik, z. B. das somnambule Hellsehen, passio a distante ist. Wie in diesem die individuelle Isolation der Erkenntnis, so ist in jener die individuelle Isolation des Willens aufgehoben. (P. I, 281 fg.)
Der wahre Begriff der actio in distans ist dieser, dass der Raum zwischen dem Wirkenden und dem Bewirkten, er sei voll oder leer, durchaus keinerlei Einfluss auf die Wirkung habe, — sondern es völlig einerlei sei, ob er einen Zoll, oder eine Billion Uranusbahnen beträgt. Denn, wenn die Wirkung durch die Entfernung irgend geschwächt wird; so ist es, entweder weil eine den Raum bereits füllende Materie dieselbe fortzupflanzen hat und daher vermöge ihrer steten Gegenwirkung sie nach Maßgabe der Entfernung schwächt; oder auch, weil die Ursache selbst bloß in einer materiellen Ausströmung besteht, die sich im Raum verbreitet und also desto mehr verdünnt, je größer dieser ist. Hingegen kann der leere Raum selbst auf keine Weise widerstehen und die Kausalität schwächen. Wo also die Wirkung nach Maßgabe ihrer Entfernung vom Ausgangspunkte der Ursache abnimmt, wie die des Lichtes, der Gravitation, des Magneten u. s. w., da ist keine actio in distans, und eben so wenig da, wo sie durch die Entfernung auch nur verspätet wird. Hingegen haben die Magie und das Hellsehen gerade die actio in distans und passio a distante zum spezifischen Kennzeichen. (P. I, 281—283.)

3) Der animalische Magnetismus und die Magie als Widerlegung des Materialismus und Naturalismus.

Der animalische Magnetismus und die Magie geben eine faktisch e und vollkommen sichere Widerlegung nicht nur des Materialismus, sondern auch des Naturalismus oder der auf den Thron der Metaphysik gesetzten Physik, indem sie die Ordnung der Natur, welche die beiden genannten Ansichten als die absolute und einzige geltend machen wollen, nachweisen als eine rein phänomenale und demnach bloß oberflächliche, welcher das von ihren Gesetzen unabhängige Wesen der Dinge an sich selbst zum Grunde liegt. (P. I, 284.)

4) Das magnetische Agens im Unterschied von der magnetischen Manipulation.

Jenes tief eingreifende Agens, welches, vom Magnetiseur ausgehend, Wirkungen hervorruft, die dem gesetzmäßigen Naturlauf so ganz entgegen sind, ist nichts anderes, als der Wille des Magnetisierenden. Die magnetische Manipulation hingegen ist nur ein Mittel, den Willensakt des Magnetiseurs und seine Richtung zu fixieren und gleichsam zu verkörpern, eben weil äußere Akte ohne allen Willen gar nicht möglich sind, indem ja der Leib und seine Organe nichts, als die Sichtbarkeit des Willens selbst sind. Hieraus erklärt es sich, dass Magnetiseurs bisweilen ohne bewusste Anstrengung ihres Willens und beinahe gedankenlos magnetisieren, aber doch wirken. Überhaupt ist es nicht das Bewusstsein des Wollens, die Reflexion über dasselbe, sondern das reine, von aller Vorstellung möglichst gesonderte Wollen selbst, welches magnetisch wirkt. Der Grund davon ist, dass hier der Wille in seiner Ursprünglichkeit, als Ding an sich, wirksam ist, welches erfordert, dass die Vorstellung, als ein von ihm verschiedenes Gebiet, ein Sekundäres, möglichst ausgeschlossen werde. Faktische Belege der Wahrheit, dass das eigentlich Wirkende beim Magnetisieren der Wille ist und jeder äußere Akt nur sein Vehikel, findet man in allen neueren und besseren Schriften über den Magnetismus. (N. 99—104.)

5) Sympathetische Kuren und Hexerei.

Das Volk hat nie aufgehört, an Magie zu glauben. Ein Zweig der alten Magie hat sich unter dem Volke sogar offenkundig in täglicher Ausübung erhalten, nämlich die sympathetischen Kuren, an deren Realität wohl kaum zu zweifeln ist. Bei diesen ist, wie beim Magnetisieren, das eigentliche Agens nicht die sinnlosen Worte und Zeremonien, sondern der Wille des Heilenden. (N. 105 fg.)
Der animalische Magnetismus und die sympathetischen Kuren, welche empirisch die Möglichkeit einer der physischen entgegengesetzten magischen Wirkung beglaubigen, liefern nur wohltätige, Heilung bezweckende Einwirkungen; die alte Magie hingegen wurde viel öfter in verderblicher Absicht angewandt. Nach der Analogie ist es jedoch mehr als wahrscheinlich dass die innewohnende Kraft, welche, auf das fremde Individuum unmittelbar wirkend, einen heilsamen Einfluss auszuüben vermag, wenigstens ebenso mächtig sein wird, nachteilig und zerstörend auf es zu wirken. Wenn daher irgend ein Teil der alten Magie außer dem der sich auf animalischen Magnetismus und sympathetische Kuren zurückführen lässt, Realität hatte, so war es gewiss Dasjenige, was als Maleficium und Fascinatio bezeichnet wird und gerade zu den meisten Hexenprozessen Anlass gab. Wenngleich die Verfolgung der Hexerei in den allermeisten Fällen auf Irrtum und Missbrauch beruht hat; so dürfen wir doch nicht unsere Vorfahren für so ganz verblendet halten, dass sie so viele Jahrhunderte hindurch mit so grausamer Strenge ein Verbrechen verfolgt hätten, welches ganz und gar nicht möglich gewesen wäre. Dennoch ist nirgends mehr, als hier, Behutsamkeit nötig, um aus einem Wust von Lug, Trug und Unsinn, dergleichen wir in den auf die Magie bezüglichen Schriften finden, die vereinzelten Wahrheiten herauszufischen. Denn Lüge und Betrug, überall in der Welt häufig, haben nirgends einen so freien Spielraum, als da, wo die Gesetze der Natur eingeständlich verlassen, ja für aufgehoben erklärt werden. (N. 107 fg.) Es fehlte viel, dass der Grundgedanke, aus dem eigentlich die Magie entsprungen, sofort ins deutliche Bewusstsein übergegangen und in abstrakto erkannt worden wäre, und die Magie sogleich sich selbst verstanden hätte. Es verband sich vielmehr bei den Meisten mit ihr der Dämonen- und Teufelsglaube; die Magie nahm die Gestalt der Theurgie und Dämonomagie an, und diese bloßen Auslegungen und Einkleidungen der Sache wurden für das Wesentliche derselben genommen. Da aber Dämonen und Götter jeder Art doch immer Hypothesen sind, mittelst welcher die Gläubigen jeder Farbe und Seite sich das Metaphysische, das hinter der Natur Liegende, ihr Dasein und Bestand Erteilende und daher sie Beherrschende fasslich machen, so ist, wenn gesagt wird, die Magie wirke durch Hilfe der Dämonen, der diesem Gedanken zum Grunde liegende Sinn doch der, dass sie ein Wirken nicht auf physischem, sondern auf metaphysischem Wege, nicht natürliches, sondern übernatürliches Wirken sei. (N. 113 —115.)
Die Magie wurde deswegen als dem bösen Prinzip verwandt und aller Tugend und Heiligkeit entgegengesetzt betrachtet, weil sie gerade, wie die Tugend und reine Liebe, auf der metaphysischen Einheit des Willens beruht, aber statt, wie jene, das Wesen des eigenen Individuums im fremden wiederzuerkennen, diese Einheit benutzt, um den eigenen individuellen Willen weit über seine natürlichen Schranken hinaus wirksam zu machen. (H. 340.)

6) Allgemeinheit und Unvertilgbarkeit des Glaubens an Magie und Ursprung dieses Glaubens.

Zu allen Zeiten und in allen Ländern hat man die Meinung gehegt, dass außer der regelrechten Art, Veränderungen in der Welt hervorzubringen, mittelst des Kausalnexus der Körper, es noch eine andere, von jener ganz verschiedene Art geben müsse, die gar nicht auf dem Kausalnexus beruhe; daher auch ihre Mittel offenbar absurd erschienen, wenn man sie im Sinne jener ersten Art auffasste. Allein die dabei gemachte Voraussetzung war, dass es außer der äußern, den nexum physicum begründenden Verbindung zwischen den Erscheinungen dieser Welt noch eine andere, durch das Wesen an sich aller Dinge gehende geben müsse, gleichsam eine unterirdische Verbindung, vermöge welcher von einem Punkte der Erscheinung aus unmittelbar auf jeden anderen gewirkt werden könne durch einen nexum metaphysicum; dass, wie wir kausal als natura naturata wirken, wir auch wohl eines Wirkens als natura naturans fähig sein und für den Augenblick den Mikrokosmos als Makrokosmos geltend machen könnten; dass, wie es im somnambulen Hellsehen eine Aufhebung der individuellen Isolation der Erkenntnis gibt, es auch eine Aufhebung der individuellen Isolation des Willens geben könne. Ein solcher Gedanke kann nicht empirisch entstanden, noch kann die Bestätigung durch Erfahrung es sein, die ihn, alle Zeiten hindurch, in allen Ländern erhalten hat; denn in den allermeisten Fällen musste die Erfahrung ihm geradezu entgegen ausfallen. Der Ursprung dieses, in der ganzen Menschheit so allgemeinen, ja unvertilgbaren Gedankens ist vielmehr sehr tief zu suchen, nämlich in dem inneren Gefühl der Allmacht des Willens an sich, jenes das innere Wesen des Menschen und der ganzen Natur bildenden Willens, und in der sich daran knüpfenden Voraussetzung, dass jene Allmacht wohl ein Mal auf irgend eine Weise auch vom Individuum aus geltend gemacht werden könnte. (N. 111 fg.)

7) Worauf der Unglaube an Magnetismus und Magie beruht.

Der entschiedene Unglaube, mit welchem von jedem denkenden Menschen einerseits die Tatsachen des Hellsehens, andererseits des magischen Einflusses zuerst vernommen werden, beruht auf einem und demselben Grunde, nämlich darauf, dass alle beide den uns a priori bewussten Gesetzen des Raumes, der Zeit und der Kausalität, wie sie in ihrem Komplex den Hergang möglicher Erfahrung bestimmen, zuwiderlaufen, — das Hellsehen mit seinem Erkennen in distans, die Magie mit ihrem Wirken in distans. (P. I, 320. H. 342.)

8) Die Verdoppelung des Bewusstseins im magnetischen Somnambulismus.

Im magnetischen Somnambulismus verdoppelt sich das Bewusstsein; zwei, jede in sich selbst zusammenhängende, von einander aber völlig geschiedene Erkenntnisreihen entstehen; das wachende Bewusstsein weiß nichts vom somnambulen. Aber der Wille behält in beiden denselben Charakter und bleibt durchaus identisch, er äußert in beiden dieselben Neigungen und Abneigungen. Denn die Funktion lässt sich verdoppeln, nicht das Wesen an sich. (W. II, 276.)
(Über das Nachtwandeln im ursprünglichen und eigentlichen Sinne s. Nachtwandeln.)