Schopenhauers Kosmos

 

 Licht.

1) Unzulässigkeit mechanischer Erklärungsweise der Eigenschaften des Lichts.

Die Eigenschaften des Lichts, der Wärme und Elektrizität lassen sich nicht mechanisch erklären, fordern vielmehr eine dynamische Erklärung, d. h. eine solche, welche die Erscheinung aus ursprünglichen Kräften erklärt, die von denen des Stoßes, Druckes, der Schwere u. s. w. gänzlich verschieden und daher höherer Art, d. h. deutlichere Objektivationen jenes Willens sind, der in allen Dingen zur Sichtbarkeit gelangt. Das Licht ist weder eine Emanation, noch eine Vibration; beide Ansichten sind der verwandt, welche die Durchsichtigkeit durch Poren erklärt, und deren offenbare Falschheit beweist, dass das Licht keinen mechanischen Gesetzen unterworfen ist. Die von den Franzosen ausgegangenen Konstruktionen des Lichts aus Molekülen und Atomen sind eine empörende Absurdität. (W. II, 342 fg. P. II, 123.) Die Ableitung der Wirkung und Färbung des Lichts aus den Vibrationen eines völlig imaginären Äthers, — diese mit unerhörter Dreistigkeit vorgetragene, kolossale Aufschneiderei und Narrenposse wird besonders von den Unwissendsten der Gelehrtenrepublik mit einer so kindlichen Zuversicht und Sicherheit nachgesprochen, dass man denken sollte, sie hätten den Äther, seine Schwingungen, Atome und was sonst für Possen sein mögen, wirklich gesehen und in Händen gehabt. (P. II, 117. 122. 128.) Der Erfinder des Äthers ist Cartesius. (P. II, 123.) Es gibt im Grunde nur eine mechanische Wirkungsart, sie besteht im Eindringenwollen eines Körpers in den Raum, den ein anderer inne hat; darauf läuft Druck und Stoß zurück. Aber kein Körper kann durch Stoß wirken, der nicht zugleich schwer ist; das Licht ist ein imponderabile, also kann es nicht mechanisch d. h. durch Stoß wirken. (P. II, 122 fg. 127 fg.)

2) Verhältnis des Lichts zur Gravitation.

Mit der Gravitation steht das Licht ohne Zweifel in einem gewissen Zusammenhang, jedoch indirekt und im Sinne eines Widerspiels, als ihr absolutes Gegenteil. Es ist eine wesentlich ausbreitende Kraft, wie die Gravitation eine zusammenziehende. Beide wirken stets geradlinig. Vielleicht kann man in einem tropischen Sinne das Licht den Reflex der Gravitation nennen. (P. II, 123.)

3) Verhältnis des Lichts zur Wärme.

Licht und Wärme sind Metamorphosen von einander. Die Sonnenstrahlen sind kalt, so lange sie leuchten; erst wann sie, auf undurchsichtige Körper treffend, zu leuchten aufhören, verwandelt sich ihr Licht in Wärme. Umgekehrt verwandelt sich die Wärme in Licht, beim Glühen der Steine, des Glases, der Metalle und des Flussspats sogar bei geringer Erwärmung. (F. 77.)
Der nächste Verwandte des Lichts, im Grunde aber seine bloße Metamorphose, ist die Wärme, deren Natur daher am ersten dienen könnte, die seinige zu erläutern. Das Latent- und wieder frei-Werden der Wärme beweist unwidersprechlich ihre materielle Natur und, da sie eine Metamorphose des Lichts ist, auch die des Lichts. Doch nicht so materiell, wie die Wärme, verhält sich das Licht, als welches vielmehr nur eine Gespensternatur hat, indem es erscheint und verschwindet, ohne Spur, wo es geblieben sei. Bloß wann das Licht, auf einen opaken Körper treffend, sich nach Maßgabe seiner Dunkelheit in Wärme verwandelt und nun die substantiellere Natur dieser angenommen hat, können wir insofern Rechenschaft von ihm geben. Dagegen nun zeigt es eine gewisse Materialität in der Reflexion und Refraktion. (P. II, 123—127.) Die Metamorphose des Lichts in Wärme und umgekehrt erhält einen frappanten Beleg durch das Verhalten des Glases bei der Erwärmung. (P. II, 131.)

4) Verhältnis des Lichts zur Farbe.

(S. Farbe.)

5) Antagonismus zwischen Licht und Schall.

Die bekannte Tatsache, dass Nachts alle Töne und Geräusche lauter schallen, als bei Tage, wird gewöhnlich aus der allgemeinen Stille der Nacht erklärt. Bei öfterer Beobachtung jenes Phänomens fühlt man sich jedoch zu der Annahme der Hypothese geneigt, dass die Sache auf einem wirklichen Antagonismus zwischen Schall und Licht beruhe, welcher Antagonismus daraus erklärt werden könnte, dass das in absolut geraden Linien strebende Wesen des Lichts, indem es die Luft durchdringt, die Elastizität derselben vermindere. Wäre nun dies konstatiert, so würde es ein Datum mehr zur Kenntnis der Natur des Lichts sein. Wäre der Äther und das Vibrationssystem erwiesen; so würde die Erklärung, dass seine Wellen die des Schalles durchkreuzen und hemmen, Alles für sich haben. Die Endursache hingegen wäre hier diese, dass die Abwesenheit des Lichts, während sie den tierischen Wesen den Gebrauch des Gesichts benimmt, den des Gehörs erhöhte.

6) Erklärung des Wohlgefallens am Lichte.

Das Licht ist das Erfreulichste der Dinge, Symbol alles Guten und Heilbringenden. Abwesenheit des Lichts macht uns unmittelbar traurig; seine Wiederkehr beglückt. Dies kommt daher, dass das Licht das Korrelat und die Bedingung der vollkommensten anschaulichen Erkenntnisweise ist, der einzigen, die unmittelbar durchaus nicht den Willen affiziert. Die Freude über das Licht ist in der Tat nur die Freude über die objektive Möglichkeit der reinsten und vollkommensten anschaulichen Erkenntnisweise und als solche daraus abzuleiten, dass das reine, von allem Wollen befreite und entledigte Erkennen höchst erfreulich ist und schon als solches einen großen Anteil am ästhetischen Genuss hat. (W. I, 235 fg.; II, 427.) Was für den Willen die Wärme, ist für die Erkenntnis das Licht. Das Licht ist eben daher der größte Demant in der Krone der Schönheit und hat auf die Erkenntnis jedes schönen Gegenstandes den entschiedensten Einfluss; seine Anwesenheit überhaupt ist unerlässliche Bedingung, seine günstige Stellung erhöht auch die Schönheit des Schönsten. (W. I, 239.)

7) Gegensatz zwischen dem physischen und geistigen Licht in Hinsicht auf die Schnelligkeit der Fortpflanzung.

Das starre Festhalten des großen Haufens an Vorurteilen, Wahnbegriffen, Sitten, Gebräuchen und Trachten, das langsame Eindringen erkannter Wahrheiten ins Volk beweist, dass in Hinsicht auf die Schnelligkeit der Fortpflanzung dem physischen Lichte nichts unähnlicher ist, als das geistige. (P. II, 65.)