Schopenhauers Kosmos

 

 Lachen.

1) Das Lachen als physische Bewegung.

Lachen gehört, wie Weinen, zu den Reflexbewegungen, als entschieden unwillkürliche Bewegung. Dass Lachen und Weinen auf bloßen stimulus mentalis eintreten, haben sie mit der Erektion, welche den Reflexbewegungen beigezählt wird, gemein; überdies kann das Lachen auch ganz physisch, durch Kitzeln erregt werden. Seine gewöhnliche, also mentale Erregung, ist daraus zu erklären, dass die Gehirnfunktion, mittelst welcher wir ein Lächerliches erkennen, eine eigentümliche Einwirkung auf die Medulla oblongata, oder sonst einen dem excitor-motorischen System angehörigen Teil hat, von dem sodann diese seltsame, viele Teile zugleich erschütternde Reflexbewegung ausgeht. Das par quintum und der nervus vagus scheinen den meisten Anteil daran zu haben. (P. II, 180.)

2) Das Lachen als psychischer Akt.

Das Lachen entsteht jedesmal aus nichts Anderem, als aus der plötzlich wahrgenommenen Inkongruenz zwischen einem Begriff und den realen Objekten, die durch ihn in irgend einer Beziehung gedacht worden waren, und es ist selbst eben nur der Ausdruck dieser Inkongruenz. Sie tritt oft dadurch hervor, dass zwei oder mehrere reale Objekte durch einen Begriff gedacht und seine Identität auf sie übertragen wird; darauf aber eine gänzliche Verschiedenheit derselben im Übrigen es auffallend macht, dass der Begriff nur in einer einseitigen Rücksicht auf sie passte. Eben so oft jedoch ist es ein einziges reales Objekt, dessen Inkongruenz zu dem Begriff, dem es einerseits mit Recht subsumiert worden, plötzlich fühlbar wird. Je richtiger nun einerseits die Subsumtion solcher Wirklichkeiten unter den Begriff ist, und je größer und greller andererseits ihre Unangemessenheit zu ihm, desto stärker ist die aus diesem Gegensatz entspringende Wirkung des Lächerlichen. Jedes Lachen also entsteht aus Anlass einer paradoxen und daher unerwarteten Subsumtion; gleichviel, ob diese durch Worte oder durch Taten sich ausspricht. (W. I, 70; II, 99 fg.)
(Über das Gegenteil des Lachens und Scherzes, den Ernst, vergl. Ernst.)

3) Das Lachen als charakteristisches Merkmal des Menschen.

Wegen des Mangels an Vernunft, also an Allgemeinbegriffen, ist das Tier, wie der Sprache so auch des Lachens unfähig. Dieses ist daher ein Vorrecht und charakteristisches Merkmal des Menschen. (W. II, 108.)

4) Die Art und der Anlass des Lachens als charakteristisch für die Person.

Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektiert und gezwungen herauskommt, sind Intellektuell und moralisch von leichtem Gehalt; wie denn überhaupt die Art des Lachens, und andererseits der Anlass dazu, sehr charakteristisch für die Person ist. (W. II, 109.) — Kinder und rohe Menschen lachen bei den kleinsten, sogar bei widrigen Zufällen, wenn sie ihnen unerwartet waren, also ihren vorgefassten Begriff des Irrtums überführen. (W. II, 107.)
Die gewöhnlichen Menschen haben Langeweile, wenn sie allein sind; sie können nicht allein lachen; sogar erscheint solches ihnen närrisch. Mangel an Phantasie und an Lebhaftigkeit des Geistes überhaupt ist es, was Ihnen, wenn sie allein sind, das Lachen verwehrt. (P. II, 645.)

5) Warum das Lachen Freude macht.

Der Grund davon, dass die Wahrnehmung der Inkongruenz des Gedachten zum Angeschauten, also zur Wirklichkeit, uns Freude macht und wir uns gern der krampfhaften Erschütterung hingeben, welche diese Wahrnehmung erregt, liegt in Folgendem. Bei jedem plötzlich hervortretenden Widerstreit zwischen dem Angeschauten und dem Gedachten behält Jenes allemal unzweifelhaftes Recht. Dieser Sieg der anschauenden Erkenntnis über das Denken erfreut uns. Denn das Anschauen ist die primäre Erkenntnisweise, ist das Medium der Gegenwart, des Genuss und der Fröhlichkeit, und ist mit keiner Anstrengung verknüpft, während das Denken, die zweite Potenz des Erkennens, oft Anstrengung erfordert und deren Begriffe, als das Medium der Vergangenheit, der Zukunft und des Ernstes, sich oft der Befriedigung unserer unmittelbaren Wünsche entgegenstellen. Diese strenge, unermüdliche, überlästige Hofmeisterin Vernunft einmal der Unzulänglichkeit überführt zu sehen, muss uns daher ergötzlich sein. (W. II, 107 fg.)

6) Die Miene des Lachens.

Weil das Lachen Freude macht, deshalb ist die Miene des Lachens der der Freude sehr nahe verwandt. (W. II, 108.)
Was für eine schöne Gegend der aus den Wolken plötzlich hervorbrechende Sonnenblick, das ist für ein schönes Gesicht der Eintritt des Lachens. Daher ridete puellae, ridete. (P. II, 454.)

7) Das beleidigende und das bittere Lachen.

Dass das Lachen Anderer über Das, was wir tun oder ernstlich sagen, uns so empfindlich beleidigt, beruht darauf, dass es aussagt, zwischen unseren Begriffen und der objektiven Realität sei eine gewaltige Inkongruenz. Aus demselben Grunde ist das Prädikat Lächerlich beleidigend. (W. II, 109.)
Das eigentliche Hohngelächter ruft dem gescheiterten Widersacher triumphierend zu, wie inkongruent die Begriffe, welche er gehegt, zu der sich jetzt ihm offenbarenden Wirklichkeit gewesen. Unser eigenes bitteres Lachen bei der sich uns schrecklich enthüllenden Wahrheit, durch welche fest gehegte Erwartungen sich als täuschend erweisen, ist der lebhafte Ausdruck der nunmehr gemachten Entdeckung der Inkongruenz zwischen den Gedanken, die wir in törichtem Vertrauen auf Menschen oder Schicksal gehegt, und der jetzt sich entschleiernden Wirklichkeit. (W. II, 109.)