Schopenhauers Kosmos

 

 Irrtum.

1) Unterschied zwischen Irrtum und Schein.

Das vom Verstande richtig Erkannte ist Realität, nämlich richtiger Übergang von der Wirkung im unmittelbaren Objekt (Leib), auf deren Ursache; das von der Vernunft richtig Erkannte ist Wahrheit, d. i. ein Urteil, welches zureichenden Grund hat. Der Realität nun steht der Schein (das fälschlich Angeschaute) als Trug des Verstandes, der Wahrheit steht der Irrtum (das fälschlich Gedachte) als Trug der Vernunft gegenüber. (W. I, 28. G. 71 fg. F. 16.)
Schein tritt alsdann ein, wenn eine und dieselbe Wirkung durch zwei gänzlich verschiedene Ursachen herbeigeführt werden kann, deren eine sehr häufig, die andere selten wirkt; der Verstand, der kein Datum hat, zu unterscheiden, welche Ursache hier wirkt, da die Wirkung ganz dieselbe ist, setzt dann allemal die gewöhnliche Ursache voraus, und weil seine Tätigkeit nicht reflektiv und diskursiv ist, sondern intuitiv (s. Anschauung), so steht solche falsche Ursache als angeschautes Objekt vor uns da, welches eben der falsche Schein ist. Der Schein entsteht entweder, wie beim Doppeltsehen und Doppelttasten, dadurch, dass die Sinneswerkzeuge in eine ungewöhnliche Lage gebracht sind; oder er entsteht dadurch, dass eine Wirkung, welche die Sinne sonst täglich und stündlich durch eine und dieselbe Ursache erhalten, einmal durch eine ganz andere Ursache hervorgebracht wird; so z. B. wenn man eine Malerei für ein Relief ansieht, oder ein ins Wasser getauchter Stab gebrochen erscheint, u. s. w.
Irrtum hingegen ist ein Urteil der Vernunft, welches nicht zu etwas außer ihm in derjenigen Beziehung steht, die der Satz vom Grund (in der Gestalt des Erkenntnisgrundes) erfordert, also eine grundlose Annahme in abstrakto, ein falsches Urteil. (Vergl. unter Grund: Satz vom Grunde des Erkennens.)
Schein kann Irrtum veranlassen, wenn er Veranlassung zu einem falschen, d. h. des zureichenden Grundes ermangelnden Urteil wird.
Der Irrtum lässt sich durch ein wahres Urteil tilgen, der Schein aber nicht. Denn alle täuschenden Scheine stehen in unmittelbarer Anschauung vor uns da, welche durch kein Räsonnement der Vernunft wegzubringen ist; ein solches kann bloß den Irrtum, d. h. ein Urteil ohne zureichenden Grund, verhüten durch ein entgegengesetztes wahres, aber der Schein bleibt jeder abstrakten (vernünftigen) Erkenntnis zum Trotz unverrückbar stehen. Jedoch kann der Schein allmählich verschwinden, wenn seine Ursache bleibend ist und dadurch das Ungewohnte gewohnt wird. Wenn man z. B. die Augen immer in der schielenden Lage lässt, so sucht der Verstand seine Apprehension zu berichtigen und durch richtige Auffassung der äußern Ursache Übereinstimmung zwischen den Wahrnehmungen auf verschiedenen Wegen, z. B. zwischen Sehen und Tasten hervorzubringen. (F. 16 fg. W. I, 28 fg. G. 71.)

2) Analogie zwischen Irrtum und Schein.

Die Möglichkeit des Irrtums ist ganz analog der des Scheins. Jeder Irrtum ist nämlich ein Schluss von der Folge auf den Grund, welcher zwar gilt, wo man weiß, dass die Folge jenen und durchaus keinen anderen Grund haben kann, außerdem aber nicht. Der Irrende setzt entweder der Folge einen Grund, den sie gar nicht haben kann; worin er dann wirklichen Mangel an Verstand, d. h. an der Fähigkeit unmittelbarer Erkenntnis der Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, zeigt; oder aber, was der häufigere Fall ist, er bestimmt der Folge einen zwar möglichen Grund, setzt jedoch zum Obersatz seines Schlusses von der Folge auf den Grund noch hinzu, dass die besagte Folge allemal nur aus dem von ihm angegebenen Grunde entstehe, wozu ihn nur eine vollständige Induktion berechtigen könnte. Dass der Irrende aber so verfährt, ist entweder Übereilung, oder zu beschränkte Kenntnis der Möglichkeit, weshalb er die Notwendigkeit der zu machenden Induktion nicht weiß. Der Irrtum ist also dem Schein ganz analog. Beide sind Schlüsse von der Folge auf den Grund, der Schein stets nach dem Gesetze der Kausalität und vom bloßen Verstande, also unmittelbar in der Anschauung selbst, vollzogen, der Irrtum von der Vernunft im Denken vollzogen. (W. I, 94 fg.)
Die große Schwierigkeit des Urteils beruht in den meisten Fällen darauf, dass wir von der Folge auf den Grund zu gehen haben, welcher Weg stets unsicher ist. Hier liegt die Quelle alles Irrtums. (W. II, 97.)

3) Unterschied zwischen Irrtum und Rechnungsfehler.

Auf einen Schluss aus einem, oft nur fälschlich generalisierten hypothetischen, aus der Annahme eines Grundes zur Folge entsprungenen Obersatz muss jeder Irrtum zurückzuführen sein; nur nicht etwa Rechnungsfehler, welche eben nicht eigentlich Irrtümer sind, sondern Fehler; die Operation, welche die Begriffe der Zahlenangaben, ist nicht in der reinen Anschauung, dem Zählen, vollzogen worden, sondern eine andere statt ihrer. (W. I, 95.)

4) Unterschied zwischen Tier und Mensch in Hinsicht auf den Irrtum.

Das Tier kann nie weit vom Wege der Natur abirren; denn seine Motive liegen allein in der anschaulichen Welt, wo nur das Mögliche, ja nur das Wirkliche Raum findet; hingegen in die abstrakten Begriffe, in die Gedanken und Worte, geht alles nur Ersinnliche, mithin auch das Falsche, das Unmögliche, das Absurde, das Unsinnige. Daher steht der Mensch, durch die Vernunft den Gedanken zugänglich geworden, und weil zwar Vernunft (das Vermögen der Gedanken) Allen, Urteilskraft aber nur Wenigen zu Teil geworden, dem Wahn offen, indem er allen nur erdenklichen Chimären Preis gegeben ist, die man ihm einredet und die, als Motive seines Willens wirkend, ihn zu Verkehrtheiten und Torheiten jeder Art, zu den unerhörtesten Extravaganzen, wie auch zu den seiner tierischen Natur widerstrebendsten Handlungen bewegen können, wovon besonders die Religionen und ihre Kultushandlungen zahlreiche und krasse Beispiele liefern. (W. II, 74 fg.)

5) Schädlichkeit des Irrtums.

Jeder Irrtum muss, früher oder später, Schaden stiften, und desto größeren, je größer er war. Den individuellen Irrtum muss, wer ihn hegt, ein Mal büßen und oft teuer bezahlen; das Selbe wird im Großen von gemeinsamen Irrtümern ganzer Völker gelten. Daher kann nicht zu oft wiederholt werden, dass jeder Irrtum, wo man ihn auch antreffe, als ein Feind der Menschheit zu verfolgen und auszurotten ist, und dass es keine privilegierte, oder gar sanktionierte Irrtümer geben kann. Der Denker soll sie angreifen, wenn auch die Menschheit, gleich einem Kranken, dessen Geschwür der Arzt berührt, laut dabei aufschriee. (W. II, 73 fg.) Wenn in der anschaulichen Vorstellung der Schein auf Augenblicke die Wirklichkeit entstellt, so kann in der abstrakten der Irrtum Jahrtausende herrschen, auf ganze Völker sein eisernes Joch werfen, die edelsten Regungen der Menschheit ersticken und selbst Den, welchen zu täuschen er nicht vermag, durch seine Sklaven, seine Getäuschten, in Fesseln legen lassen. Man soll daher bestrebt sein, jeden Irrtum aufzudecken und auszurotten, auch wo kein Schaden von ihm abzusehen ist, weil dieser sehr mittelbar sein und einst hervortreten kann, wo man ihn nicht erwartet; denn jeder Irrtum trägt ein Gift in seinem Innern. Es gibt keine unschädlichen Irrtümer, noch weniger ehrwürdige, heilige Irrtümer. (W. I, 42. H. 440.) Jeder Irrtum stiftet unendlich mehr Schaden, als Nutzen. (E. 259.)

6) Die tragische und die komische Seite des Irrtums.

Die tragische Seite des Irrtums und Vorurteils liegt im Praktischen, die komische ist dem Theoretischen vorbehalten. (W. I, 75.)

7) Was zur Perpetuierung der Irrtümer beiträgt.

Die Irrtümer werden durch Beispiel, Gewohnheit und sehr frühzeitiges, festes Einprägen, ehe noch Erfahrung und Urteilskraft zu ihrer Erschütterung da waren, perpetuiert. (W. II, 74.) Auch das den urteilslosen Köpfen eigentümliche Genügen an Worten trägt mehr als irgend etwas bei zur Perpetuierung der Irrtümer. (W. II, 160.) Auch ist es natürlich, dass wir gegen jede neue, unsere bisherige Überzeugung erschütternde Ansicht uns abwehrend verhalten. Sehen wir also schon das Individuum hartnäckig im Festhalten seiner Irrtümer, so ist es die Masse noch viel mehr; an ihren ein Mal gefassten Meinungen können Erfahrung und Belehrung sich Jahrhunderte lang vergeblich abarbeiten. Daher gibt es denn auch gewisse allgemein beliebte und fest akkreditierte, folglich von Unzähligen mit Selbstgenügen nachgesprochene Irrtümer, wie z. B. Selbstmord ist eine feige Handlung. Wer Anderen misstraut, ist selbst unredlich. Verdienst und Genie sind aufrichtig bescheiden. U. s. w. (P. II, 63 fg.)