Schopenhauers Kosmos

 

 Genus.

1) Gegensatz zwischen genus und species.

Die platonische Idee, empirisch genommen und in der Zeit, ist Spezies oder Art. Diese ist also das empirische Korrelat der Idee. Die Idee ist eigentlich ewig, die Art aber von unendlicher Dauer; wenngleich die Erscheinung derselben auf einem Planeten erlöschen kann. Die Idee ist species, aber nicht genus; darum sind die species das Werk der Natur, die genera das Werk des Menschen; sie sind nämlich bloße Begriffe. Es gibt species naturales, aber genera logica allein. (W. II, 415 fg.)

2) Bildung des logischen genus.

Die Bildung eines Begriffs geschieht überhaupt dadurch, dass von dem anschaulich Gegebenen Vieles fallen gelassen wird, um dann das Übrige für sich allein denken zu können; derselbe ist also ein Wenigerdenken, als angeschaut wird. Hat man, verschiedene anschauliche Gegenstände betrachtend, von jedem etwas Anderes fallen lassen und doch bei Allen das Selbe übrig behalten; so ist dies das genus jener Spezies. Demnach ist der Begriff eines jeden genus der Begriff einer jeden darunter begriffenen Spezies, nach Abzug alles Dessen, was nicht allen Spezies zukommt. Nun kann aber jeder mögliche Begriff als ein genus gedacht werden; daher ist er stets ein Allgemeines und als ein solches ein nicht Anschauliches (G. 98 fg.)
In ihrem gesetzmäßigen Gange bildet die Vernunft einen höheren Geschlechtsbegriff (genus) immer nur dadurch, dass sie mehrere Artbegriffe neben einander stellt, nun vergleichend, diskursiv verfährt und durch Weglassen ihrer Unterschiede und Beibehalten ihrer Übereinstimmungen den sie alle umfassenden, aber weniger enthaltenden Geschlechtsbegriff erhält; woraus folgt, dass die Artbegriffe dem Geschlechtsbegriff immer vorhergehen müssen. (W. I, 582.)
Man ist nie zur Aufstellung eines genus befugt, welches uns nur in einer einzigen Spezies gegeben ist, in dessen Begriff man daher schlechterdings nichts bringen könnte, als was man dieser einen Spezies entnommen hätte, daher was man vom genus aussagte, doch immer nur von der einen Spezies zu verstehen sein würde; während, indem man, um das genus zu bilden, unbefugt weggedacht hätte, was dieser Spezies zukommt, man vielleicht gerade die Bedingung der Möglichkeit der übrig gelassenen und als genus hypostasierten Eigenschaften aufgehoben hätte. Wir sind daher z. B. nicht befugt, ein genus Vernünftige Wesen aufzustellen, welches von seiner uns allein bekannten Spezies Mensch abstrahiert wäre. (E. 131.) Eben so sind wir nicht befugt, von dem Begriff der Materie den der Substanz als des höheren genus zu abstrahieren, da die Materie die einzig wahre Unterart des Begriffes Substanz bleibt, das einzig Nachweisbare, wodurch sein Inhalt realisiert wird und einen Beleg erhält, immaterielle Substanz hingegen nur eine erschlichene Nebenart ist. (W. I, 582 fg.)