Schopenhauers Kosmos

 

 Generatio aequivoca.

1) Die generatio aequivoca als Sieg der höheren über die niederen Ideen.

Wenn von den Erscheinungen des Willens auf den niedrigeren Stufen seiner Objektivation, also im Unorganischen, mehrere unter einander in Konflikt geraten, indem jede sich der vorhandenen Materie bemächtigen will, so geht aus diesem Streit die Erscheinung einer höheren Idee hervor, welche die vorhin dagewesenen unvollkommenen alle überwältigt, jedoch so, dass sie das Wesen derselben auf eine untergeordnete Weise bestehen lässt, indem sie ein Analogon davon in sich aufnimmt; welcher Vorgang eben nur aus der Identität des erscheinenden Willens in allen Ideen und aus seinem Streben zu immer höherer Objektivation begreiflich ist. Die aus solchem Siege über mehrere niedere Ideen oder Objektivationen des Willens hervorgehende vollkommenere gewinnt eben dadurch, dass sie von jeder überwältigten ein höher potenziertes Analogon in sich aufnimmt, einen ganz neuen Charakter; der Wille objektiviert sich auf eine neue deutlichere Art; es entsteht, ursprünglich durch generatio aequivoca, nachher durch Assimilation an den vorhandenen Keim, organischer Saft, Pflanze, Tier, Mensch. Also aus dem Streit niedrigerer Erscheinungen geht die höhere, sie alle verschlingende, aber auch das Streben aller in höherem Grade verwirklichende hervor. (W. I, 172 fg. N. 56. H. 348.)

2) Die Leugnung der generatio aequivoca als Vorspiel der Leugnung der Lebenskraft.

Der in neuester Zeit geführte Krieg gegen die generatio aequivoca mit seinem voreiligen Siegesgeschrei war das Vorspiel zum Ableugnen der Lebenskraft, und diesem verwandt. (W. II, 353.)

3) Ob noch jetzt generatio aequivoca Statt findet.

Der zeitliche Ursprung der Formen, der Gestalten, oder Spezies aus der Materie ist nicht zu bezweifeln. Ob aber noch jetzt, da die Wege zur Perpetuierung der Gestalten offen stehen und von der Natur mit Grenzenloser Sorgfalt gesichert und erhalten werden, die generatio aequivoca Statt finde, ist allein durch die Erfahrung zu entscheiden; zumal da das natura nihil facit frustra, mit Hinweisung auf die Wege der regelmäßigen Fortpflanzung, als Argument dagegen geltend gemacht werden könnte. Doch ist die generatio aequivoca auf sehr niedrigen Stufen, der neuesten Einwendungen dagegen ungeachtet, sehr wahrscheinlich. Überall wo Fäulnis entsteht, zeigen sich Schimmel, Pilze und, im Flüssigen, Infusorien. Die jetzt beliebte Annahme, dass Sporen und Eier zu den zahllosen Spezies aller jener Gattungen überall in der Luft schweben und lange Jahre hindurch auf eine günstige Gelegenheit warten, ist paradoxer, als die der generatio aequivoca. Fäulnis ist die Zersetzung eines organischen Körpers, zuerst in seine näheren chemischen Bestandteile. Weil nun diese in allen lebenden Wesen mehr oder weniger gleichartig sind; so kann, in solchem Augenblick, der allgegenwärtige Wille zum Leben sich ihrer bemächtigen, um jetzt, nach Maßgabe der Umstände, neue Wesen daraus zu erzeugen. (W. II, 352 fg. P. II, 160.)

4) Wie die generatio aequivoca auf den oberen Stufen des Tierreichs zu denken ist.

Die generatio aequivoca lässt sich auf den oberen Stufen des Tierreichs nicht mehr so denken, wie sie auf den alleruntersten sich uns darstellt; nimmermehr kann die Gestalt des Löwen, des Wolfes, des Elefanten, des Affen, oder gar des Menschen nach Art der Infusionstierchen, der Entozoen und Epizoen entstanden sein und etwa geradezu sich erhoben haben aus zusammengerinnendem, sonnebebrütetem Meeresschlamm, oder Schleim, oder aus faulender organischer Masse; sondern ihre Entstehung kann nur gedacht werden als generatio in utero heterogeneo, folglich so, dass aus dem Uterus, oder vielmehr dem Ei eines besonders begünstigten tierischen Paares beim Zusammentreffen aller günstigen Einflüsse ausnahmsweise nicht mehr seines Gleichen, sondern die ihm zunächst verwandte, jedoch eine Stufe höher stehende Gestalt hervorgegangen wäre; so dass dieses Paar, dieses Mal, nicht ein bloßes Individuum, sondern eine Spezies erzeugt hätte. Vorgänge dieser Art konnten natürlich erst eintreten, nachdem die alleruntersten Tiere sich durch die gewöhnliche generatio aequivoca aus organischer Fäulnis, oder aus dem Zellengewebe lebender Pflanzen ans Licht emporgearbeitet hatten als erste Vorboten der kommenden Tiergeschlechter. (P. II, 163 fg.)