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Schopenhauers Kosmos

 

 Farbe.

1) Subjektiver Ursprung der Farbe.

Eine gründliche Betrachtung der Farbe muss von ihr als physiologischer Funktion ausgehen. Die Farbe bildet im Vergleich zu dem Intellektuellen Teil der Anschauung der Körperwelt (vergl. Anschauung) einen untergeordneten Teil derselben; denn wie der Intellektuelle Anteil derselben die Funktion der so beträchtlichen 3 bis 5 Pfund wiegenden Nervenmasse des Gehirns ist, so ist die Farbe die Funktion eines feinen Nervenhäutchens, auf dem Hintergrunde des Augapfels, der Retina, deren besonders modifizierte Tätigkeit sie ist. Die Farbe gehört also, wie die anderen Sinnesempfindungen, zu den bloßen vor aller objektiven Anschauung gegebenen Daten aus denen erst im Verstand die objektive Anschauung wird. Sie ist als Affektion des Auges die Wirkung, welche da ist, auch ohne dass sie auf eine Ursache bezogen wird. Das neugeborene Kind empfindet Licht und Farbe, ehe es den leuchtenden oder gefärbten Gegenstand als solchen erkennt und anschaut. Dadurch, dass wir die Farbe als einem Körper inhärierend auffassen, wird ihre diesem vorhergegangene unmittelbare Wahrnehmung durchaus nicht geändert; sie ist und bleibt Affektion des Auges. Bloß als deren Ursache wird der Gegenstand angeschaut, die Farbe selbst aber ist allein die Wirkung, ist der im Auge hervorgebrachte Zustand, und als solcher unabhängig von der Anschauung des Gegenstandes, der nur für den Verstand da ist. Der Körper ist rot bedeutet demnach, dass er im Auge die rote Farbe bewirkt. (F. 19 fg.)

2) Die äußeren Ursachen der Farbe.

Erst nach der Betrachtung der Farbe als spezifischer Empfindung im Auge ist, als eine völlig von ihr verschiedene, die der äußeren Ursachen jener besonderen Modifikationen der Lichtempfindung anzustellen, d. h. die Betrachtung derjenigen Farben, welche Goethe sehr richtig in physische und chemische eingeteilt hat. Die genaue Kenntnis der Farbe als physiologischer Erscheinung, als Empfindung im Auge, liefert nämlich Data zur Auffindung der Ursache, d. h. des äußern Reizes, der solche Empfindung erregt. Zunächst nämlich muss überall zu jeder möglichen Modifikation einer Wirkung eine ihr genau entsprechende Modifikabilität der Ursache nachweisbar sein; ferner, wo die Modifikationen der Wirkung keine scharfen Grenzen gegen einander zeigen, da dürfen auch in der Ursache dergleichen nicht abgesteckt sein, sondern muss auch hier die selbe Allmählichkeit der Übergänge sich vorfinden; endlich, wo die Wirkung Gegensätze zeigt, da müssen auch hierzu die Bedingungen in der Natur der Ursache liegen. Diesem gemäß liefert die (Schopenhauersche) Theorie, welche die Farbe an sich selbst, d. h. als gegebene spezifische Empfindung im Auge betrifft, Data a priori an die Hand zur Beurteilung der Newtonschen und Götheschen Lehre vom Objektiven der Farbe, d. h. von den äußeren Ursachen, die im Auge solche Empfindung erregen. (F. 22. P. II, 191 fg.)

3) Grundfehler der bisherigen Farbentheorien.

Newtons Fundamentalversehen war, dass er, ohne die Farbe als Wirkung im Auge irgend genau und ihren inneren Beziehungen nach kennen zu lernen, voreilig zur Aufsuchung der äußeren Ursache derselben schritt. Jedoch ist das selbe Versehen allen Farbentheorien, von den ältesten bis auf die Göthesche, gemeinsam; sie alle reden bloß davon, welche Modifikation der Oberfläche ein Körper, oder welche Modifikation das Licht, sei es durch Zerlegung in seine Bestandteile, sei es durch Trübung, oder sonstige Verbindung mit dem Schatten, erleiden muss, um Farbe zu zeigen, d. h. um jene spezifische Empfindung im Auge zu erregen, die sich nicht beschreiben, sondern nur sinnlich nachweisen lässt; während offenbar der rechte Weg der ist, sich zunächst an diese Empfindung selbst zu wenden, um zu erforschen, ob nicht aus ihrer Beschaffenheit und Gesetzmäßigkeit sich heraus bringen ließe, worin sie an und für sich, also physiologisch, bestehe. (F. 21. P. II, 190 fg.)

4) Wesen der Farbe.

Unter Einwirkung des Lichtes, oder des Weißen, ist die Retina in voller Tätigkeit mit Abwesenheit jener beiden aber, d. h. bei Finsternis, oder Schwarz, tritt Untätigkeit der Retina ein. Die Farbe nun liegt zwischen diesen beiden, zwischen Schwarz und Weiß, welche selbst keine eigentlichen Farben sind. Die Farbe ist nämlich die qualitativ geteilte Tätigkeit der Retina. Die Verschiedenheit der Farben ist das Resultat der Verschiedenheit der qualitativen Hälften, in welche diese Tätigkeit auseinandergehen kann, und ihres Verhältnisses zu einander. Gleich können diese Hälften nur Ein Mal sein, und dann stellen sie das wahre Roth und das vollkommene Grün dar. Ungleich können sie in unzähligen Verhältnissen sein, und daher ist die Zahl der möglichen Farben unendlich. Jede einzelne Farbe ist ein bestimmter Zahlenbruch der vollen Tätigkeit der Retina. Jeder Farbe wird, nach ihrer Erscheinung, ihr im Auge zurückgebliebenes Komplement zur vollen Tätigkeit der Retina als physiologisches Spektrum nachfolgen. Dies geschieht, weil die Nervennatur der Retina es mit sich bringt, dass, wenn sie, durch die Beschaffenheit eines äußeren Reizes, zur Teilung ihrer Tätigkeit in zwei verschiedene Hälften genötigt worden ist, dann der vom Reiz hervorgerufenen Hälfte, nach Wegnahme desselben, die andere von selbst nachfolgt. Indem nämlich die Retina den natürlichen Trieb hat, ihre Tätigkeit ganz zu äußern, sucht sie, nachdem sie auseinandergerissen war, sie wieder zu ergänzen. Ein je größerer Teil der vollen Tätigkeit der Retina eine Farbe ist, ein desto kleinerer muss ihr Komplement zu dieser Tätigkeit sein; d. h. je mehr eine Farbe, und zwar wesentlich, nicht zufällig, hell, dem Weißen nahe ist, desto dunkler, der Finsternis näher, wird das nach ihr sich zeigende Spektrum sein; und umgekehrt. (F. 23. 32. P. II, 194 fg.)
Göthes Urphänomen verdient diesen Namen nicht mehr. Denn es ist nicht, wie er es nahm, ein schlechthin Gegebenes und aller Erklärung auf immer Entzogenes; vielmehr ist es nur die Ursache, wie sie, der physiologischen Theorie zufolge, zur Hervorbringung der Wirkung, d. i. der Halbierung der Tätigkeit der Netzhaut, erfordert ist. Eigentliches Urphänomen ist allein diese organische Fähigkeit der Netzhaut, ihre Nerventätigkeit in zwei qualitativ entgegengesetzte, bald gleiche, bald ungleiche Hälften auseinandergehen und sukzessiv hervortreten zu lassen. Dabei müssen wir stehen bleiben, indem, von hier an, sich höchstens nur noch Endursachen absehen lassen, wie uns dies in der Physiologie durchgängig begegnet, also etwa, dass wir durch die Farbe ein Mittel mehr haben, die Dinge zu unterscheiden und zu erkennen. (F. 73. P. II, 194.)

5) Die Haupt-Farben und ihr Schema.

Zwar scheint es, da der Farbenkreis eine zusammenhängende stetige Größe ist und alle seine Farben durch unmerkliche Nuancen in einander übergehen, beliebig, wie viele Farben man annehmen will. Es finden sich jedoch bei allen Völkern, zu allen Zeiten, für Roth, Grün, Orange, Blau, Gelb, Violett, besondere Namen, welche überall verstanden werden, als die nämlichen, ganz bestimmten Farben bezeichnend, und jede empirisch vorkommende Farbe wird nach derjenigen aus jenen sechs benannt, der sie am nächsten kommt; dabei aber wird ihre Abweichung von derselben, also der Grad der Reinheit oder Unreinheit, in welchem sie diese darstellt, gefühlt. Diese sechs Farben müssen daher gewissermaßen a priori erkannt sein und es muss eine Norm, ein Ideal, eine Antizipation jener Farben, unabhängig von der Erfahrung geben, mit welcher jede wirkliche, empirische Farbe verglichen wird. Den Schlüssel hierzu liefert die Erkenntnis, dass das sich als in gewissen ganzen und den ersten Zahlen ausdrückbar darstellende Verhältnis der beiden Hälften, in welche bei den angeführten Farben die Tätigkeit der Retina sich teilt, diesen drei Farbenpaaren einen Vorzug gibt, der sie vor allen anderen auszeichnet. Wie die sieben Töne der Skala sich von den unzähligen anderen der Möglichkeit nach zwischen ihnen liegenden nur durch die Rationalität ihrer Vibrationszahlen auszeichnen, so auch die sechs mit eigenen Namen belegten Farben von den unzähligen zwischen ihnen liegenden nur durch die Rationalität und Simplizität des in ihnen sich darstellenden Bruches der Tätigkeit der Retina, wie aus folgendem Schema zu ersehen ist:
Schwarz0
Violett1/4
Blau1/3
Grün1/2
Roth1/2
Orange2/3
Gelb3/4
Weiß1
Schwarz und Weiß, da sie keine Brüche, also keine qualitative Teilung darstellen, sind nicht im eigentlichen Sinne Farben. Sie stehen hier bloß als Grenzpfosten, zur Erläuterung der Sache. Die wahre Farbentheorie hat es demnach stets mit Farbenpaaren zu tun, und die Reinheit einer gegebenen Farbe beruht auf der Richtigkeit des in ihr sich darstellenden Bruches. Die Zahl der Farben ist unendlich; dennoch enthalten jede zwei entgegengesetzte Farben die Elemente, die volle Möglichkeit aller andern. Die Farbe erscheint immer als Dualität, da sie die qualitative Bipartition der Tätigkeit der Retina ist. Die Teilungspunkte sind unzählig, und, als durch äußere Ursachen bestimmt, insofern für das Auge zufällig. Sobald aber die eine Hälfte gegeben ist, folgt die andere, als ihr Komplement, notwendig. Es war daher eine doppelte Absurdität, die Summe aller Farben, wie die Newtonianer tun, aus einer ungeraden Zahl bestehen zu lassen. (F. 32—35.)

6) Die physischen und chemischen Farben.

An den ersten und wesentlichsten Teil der Farbenlehre, welcher die Farben als Zustände, Affektionen des Auges, betrachtet, also an die Farbenlehre im engsten Sinne schließt sich als der zweite Teil die Betrachtung der Ursachen, welche, von Außen als Reize auf das Auge wirkend, nicht, wie das reine Licht und das Weiße, die ungeteilte Tätigkeit der Retina in stärkeren oder schwächeren Graden, sondern immer nur eine qualitative Hälfte derselben hervorrufen. Diese äußern Ursachen hat Göthe sehr richtig und treffend in zwei Klassen gesondert, nämlich in die chemischen und physischen Farben, d. h. in die den Körpern inhärierenden, bleibenden Farben, und die bloß temporären, durch irgend eine besondere Kombination des Lichtes mit den durchsichtigen Medien entstehenden. Ihr Unterschied lässt sich durch einen einzigen völlig allgemeinen Ausdruck so bezeichnen: physische Farben sind diejenigen Ursachen der Erregung einer qualitativen Hälfte der Tätigkeit der Retina, die uns als solche zugänglich sind; daher wir einsehen, dass, wenn wir auch über die Art ihres Wirkens noch uneinig sind, dasselbe doch gewissen Gesetzen unterworfen sein muss, die auch unter den verschiedensten Umständen und bei den verschiedensten Materien obwalten, so dass das Phänomen stets auf sie zurückgeführt werden kann. Die chemischen Farben hingegen sind die, bei denen dies nicht der Fall ist, sondern deren Ursache wir erkennen, ohne die Art ihres speziellen Wirkens auf das Auge irgend zu begreifen. Denn, wenn wir gleich wissen, dass z. B. dieser oder jener chemische Niederschlag diese bestimmte Farbe gibt und insofern ihre Ursache ist; so wissen wir doch hier nicht die Ursache der Farbe als solcher, nicht das Gesetz, demzufolge sie eintritt, sondern ihr Eintreten wird nur a posteriori erkannt und bleibt für uns insofern zufällig. Von den physischen Farben hingegen wissen wir als solchen die Ursache, das Gesetz ihrer Erscheinung; daher auch unsere Erkenntnis derselben nicht an bestimmte Materien gebunden ist, sondern von jeder gilt; so z. B. entsteht Gelb, sobald Licht durch ein trübes Mittel bricht, dies mag nun ein Pergament, eine Flüssigkeit, ein Dunst, oder das prismatische Nebenbild sein. — Dem Gesagten zufolge kann man die physischen Farben auch die verständlichen, die chemischen aber die unverständlichen nennen. Durch Zurückführung der chemischen Farben auf physische, in irgend einem Sinne, würde der zweite Teil der Farbenlehre zur Vollendung gebracht sein. (F. 66 ff. P. II, 200.)