Schopenhauers Kosmos

 

 Dogmatismus.

1) Gegensatz zwischen Dogmatismus und Kritizismus.

Es besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen Dogmatismus oder dogmatischer Philosophie und Kritizismus oder Transzendentalphilosophie. Der Dogmatismus wendet die aus dem menschlichen Intellekt (Gehirn) entspringenden apriorischen Wahrheiten, welche bloße Gesetze der Erscheinung sind und daher nur relative Gültigkeit haben, auf das Wesen an sich der Welt an und hält sie für ewige Wahrheiten (veritates aeternas). Als Widersacher dieser ganzen Methode ist mit Kant die kritische Philosophie aufgetreten, welche gerade die, allem solchem dogmatischen Bau zur Unterlage dienenden veritates aeternas zu ihrem Problem macht, dem Ursprung derselben nachforscht und ihn sodann findet im menschlichen Kopf, woselbst nämlich sie aus den diesem eigentümlich angehörenden Formen, welche er zum Behuf der Auffassung einer objektiven Welt in sich trägt, erwachsen. Dadurch, dass die kritische Philosophie, um zu diesem Resultat zu gelangen, über die veritates aeternas, auf welche aller bisherige Dogmatismus sich gründete, hinausgehen musste, um diese selbst zum Gegenstande der Untersuchung zu machen, ist sie Transzendentale Philosophie geworden. Aus dieser ergibt sich, dass die objektive Welt, wie wir sie erkennen, nicht dem Wesen der Dinge an sich selbst angehört, sondern bloße Erscheinung desselben ist, bedingt durch eben jene Formen, die a priori im menschlichen Intellekt (d. h. Gehirn) liegen, daher sie auch nichts als Erscheinungen enthalten kann. (W. I, 498 fg.)

2) Grundfehler des Dogmatismus.

Der Grundfehler des durch Kant zerstörten Dogmatismus war in allen seinen Formen dieser, dass er schlechthin von der Erkenntnis, d. i. der Welt als Vorstellung, ausging, um aus deren Gesetzen das Seiende überhaupt abzuleiten und aufzubauen, wobei er jene Welt der Vorstellung, nebst ihren Gesetzen, als etwas schlechthin Vorhandenes und absolut Reales nahm; während das ganze Dasein derselben von Grund aus relativ und ein bloßes Resultat oder Phänomen des ihr zum Grunde liegenden Wesens an sich ist, — oder mit anderen Worten, dass er eine Ontologie konstruierte, wo er bloß zu einer Dianoiologie Stoff hatte. (W. II, 327.)
Der alte, von Kant umgestoßene Dogmatismus ist transzendent, indem er über die Welt hinausgeht, um sie aus etwas Anderem zu erklären; er macht sie zur Folge eines Grundes, auf welchen er aus ihr schließt, während es doch allein in der Welt und unter Voraussetzung derselben Gründe und Folgen gibt. (P. I, 142.)

3) Warum alle Philosophie zuerst Dogmatismus ist.

Beim Philosophieren wird der Intellekt angewendet auf etwas, wozu er gar nicht gemacht und berechnet ist, nämlich das Dasein überhaupt und an sich. Sein erster Versuch ist nun natürlich, die Gesetze der Erscheinung (die ihm eigentümlich sind) anzuwenden auf das Dasein überhaupt, also das Dasein an sich zu konstruieren nach Gesetzen der bloßen Erscheinung, z. B. Anfang, Ende, Ursache, Zweck des Daseins überhaupt zu suchen. Daher ist jede Philosophie zuerst Dogmatismus. Nach dessen Misslingen und dem Dartun dieses Misslingens, welches der Skeptizismus ist, tritt später der Kritizismus ein. (H. 297; P. II, 9.)