Schopenhauers Kosmos

 

 Charakter.

1) Der Charakter als Naturkraft.

Der Mensch ist, wie jeder andere Teil der Natur, Objektität des Willens. Wie jedes Ding in der Natur seine Kräfte und Qualitäten hat, die auf bestimmte Einwirkung bestimmt reagieren und seinen Charakter ausmachen; so hat auch er seinen Charakter, aus dem die Motive seine Handlungen hervorrufen und zwar mit Notwendigkeit. (W. I, 339.)
Die speziell und individuell bestimmte Beschaffenheit des Willens, vermöge deren seine Reaktion auf die selben Motive in jedem Menschen eine andere ist, macht Das aus, was man dessen Charakter nennt. Durch ihn ist die Wirkungsart der verschiedenartigen Motive auf den gegebenen Menschen bestimmt. Denn er liegt allen Wirkungen, welche die Motive hervorrufen, so zum Grunde, wie die allgemeinen Naturkräfte den durch Ursachen im engsten Sinn hervorgerufenen Wirkungen, und die Lebenskraft den Wirkungen der Reize. (E. 48.)
Jedes Seiende muss eine ihm wesentliche, eigentümliche Natur haben, vermöge welcher es ist was es ist, die es stets behauptet, deren Äußerungen von den Ursachen mit Notwendigkeit hervorgerufen werden; während hingegen diese Natur selbst keineswegs das Werk jener Ursachen, noch durch dieselben modifikabel ist. Alles dies gilt vom Menschen und seinem Willen eben so sehr wie von allen übrigen Wesen in der Natur. Auch er hat zur Existentia eine Essentia, d. h. grundwesentliche Eigenschaften, die seinen Charakter ausmachen und nur der Veranlassung bedürfen, um hervorzutreten. (E. 57 fg.)

2) Unterschied zwischen Tier und Mensch in Hinsicht auf den Charakter.

Bei den Tieren ist der Charakter in jeder Spezies, beim Menschen in jedem Individuum ein anderer. Nur in den allerobersten, klügsten Tieren zeigt sich schon ein merklicher Individualcharakter, wiewohl mit durchaus überwiegendem Charakter der Spezies. (E. 48.) Die große Verschiedenheit individueller Charaktere im Menschengeschlecht drückt sich schon äußerlich aus durch stark gezeichnete individuelle Physiognomie, welche die gesamte Korporisation mitbegreift. Diese Individualität hat bei weitem in solchem Grade kein Tier. Je weiter abwärts in der Tierreihe, desto mehr verliert sich jede Spur von Individualcharakter in den allgemeinen der Spezies, deren Physiognomie auch allein übrig bleibt. Man kennt den psychologischen Charakter der Gattung und weiß daraus genau, was vom Individuum zu erwarten steht; während in der Menschenspezies jedes Individuum für sich studiert und ergründet sein will. (W. I, 156.)

3) Wesentliche Prädikate des menschlichen Charakters.

Der Charakter des Menschen ist 1. individuell, 2. empirisch, 3. konstant, 4. angeboren. (E. 48 ff.)
1. Die Individualität des Charakters zeigt sich besonders in der Verschiedenheit der Wirkung eines und desselben Motivs auf verschiedene Menschen. Aus der Kenntnis des Motivs allein lässt sich daher die Tat nicht vorhersagen, sondern man muss hierzu auch den individuellen Charakter genau kennen. (E. 48.)
2. Dass der Charakter empirisch ist, d. h. dass man seinen eigenen, wie den Charakter anderer Individuen nur durch Erfahrung kennen lernt, zeigt sich in der häufigen Enttäuschung über sich und Andere, in der Entdeckung der Abwesenheit von Eigenschaften an sich und andern, die man vorher voraussetzte. Weil man den Charakter erst aus der Erfahrung und wenn die Gelegenheit kommt, kennen lernt, kann keiner vorher wissen, wie er selbst oder wie ein Anderer in einer bestimmten Lage handeln wird. Nur nach bestandener Probe ist man des Anderen und seiner selbst gewiss. (E. 49. P. II, 247.) In Folge der der inneren Erkenntnis anhängenden Form der Zeit erkennt Jeder seinen Willen nur in dessen sukzessiven einzelnen Arten, nicht aber im Ganzen, an und für sich; daher kennt Keiner seinen Charakter a priori, sondern Jeder lernt ihn erst erfahrungsmäßig und stets unvollkommen kennen. (W. II, 220.)
3. Die Konstanz oder Unveränderlichkeit des Charakters während des ganzen Lebens wird durch die Erfahrung bestätigt, dass man sich und Andere oft nach langen Zwischenräumen auf denselben Pfaden betrifft, wie ehemals. Bloß in der Richtung und dem Stoff erfährt der Charakter scheinbar Modifikationen, welche Folge der Verschiedenheit der Lebensalter und ihrer Bedürfnisse sind. Bloß die Erkenntnis ändert sich im Laufe des Lebens, und damit die Handlungsweise, aber nicht der Charakter. (E. 50—53.) Bei der Vergleichung unserer Denkungsart in verschiedenen Lebensaltern zeigt sich uns ein sonderbares Gemisch von Beharrlichkeit und Veränderlichkeit. Einerseits ist die moralische Tendenz des Mannes und Greises noch dieselbe, welche die des Knaben war; andererseits ist ihm Vieles so entfremdet, dass er sich nicht mehr kennt und sich wundert, wie er einst Dieses und Jenes tun oder sagen gekonnt. Bei näherer Untersuchung aber wird man finden, dass das Veränderliche der Intellekt war, mit seinen Funktionen der Einsicht und Erkenntnis. Als das Unabänderliche im Bewusstsein hingegen weist sich die Basis desselben aus, der Wille, der Charakter; wobei jedoch die Modifikationen in Rechnung zu bringen sind, welche von den körperlichen Fähigkeiten zum Genuss und hierdurch vom Alter abhängen. (W. II, 251 fg. P. II, 248. I, 483.) Der große Anatom Bichat ist auf dem Wege seiner rein physiologischen Betrachtungsweise dahin gelangt, die Unveränderlichkeit des moralischen Charakters daraus zu erklären, dass nur das animale Leben, also die Funktion des Gehirns, dem Einfluss der Erziehung, Übung, Bildung und Gewohnheit unterworfen ist, der moralische Charakter aber dem von außen nicht modifikablen organischen Leben, d. h. dem aller übrigen Teile, angehört. (W. II, 298.)
(Vergleiche auch den Artikel Besserung.)
4. Die Angeborenheit des individuellen Charakters wird durch die Erblichkeit des Charakters bewiesen. (Vergl. Vererbung.) Zufolge derselben legen bei der allergleichsten Erziehung und Umgebung verschiedene Kinder den grundverschiedensten Charakter aufs Deutlichste an den Tag. (E. 53.) Tugenden und Laster sind angeboren. (E. 53 ff.) Der ethische Unterschied der Charaktere ist angeboren und unvertilgbar. Dem Boshaften ist seine Bosheit so angeboren, wie der Schlange ihre Giftzähne und Giftblase; und so wenig, wie sie, kann er es ändern. (E. 249.) Die in den verschiedenen Menschen so höchst verschiedene Empfänglichkeit für die Motive des Eigennutzes, der Bosheit und des Mitleids, worauf der ganze moralische Wert des Menschen beruht, ist nicht etwas aus einem Anderen Erklärliches, noch durch Belehrung zu Erlangendes und daher in der Zeit Entstehendes und Veränderliches, ja, vom Zufall Abhängiges, sondern angeboren, unveränderlich und nicht weiter erklärlich. (E. 258.)

4) Verhältnis des intelligiblen zum empirischen Charakter.

Was, durch die notwendige Entwickelung in der Zeit und das dadurch bedingte Zerfallen in einzelne Handlungen, als empirischer Charakter erkannt wird, ist, mit Abstraktion von dieser zeitlichen Form der Erscheinung, der intelligible Charakter, nach dem Ausdrucke Kants. Der intelligible Charakter fällt also mit der Idee oder noch eigentlicher mit dem ursprünglichen Willensact, der sich in ihr offenbart, zusammen. Insofern ist also nicht nur der empirische Charakter jedes Menschen, sondern auch jeder Tierspezies, ja jeder Pflanzenspezies und sogar jeder ursprünglichen Kraft der unorganischen Natur, als Erscheinung eines intelligiblen Charakters, d. h. eines außerzeitlichen unteilbaren Willensaktes anzusehen. (W. I, 185.) Wie der ganze Baum nur die stets wiederholte Erscheinung eines und desselben Triebes ist, der sich am einfachsten in der Faser darstellt und in der Zusammensetzung zu Blatt, Stiel, Ast, Stamm wiederholt und leicht darin zu erkennen ist; so sind alle Taten des Menschen nur die stets wiederholte, in der Form etwas abwechselnde Äußerung seines intelligiblen Charakters, und die aus der Summe derselben hervorgehende Induktion gibt seinen empirischen Charakter. (W. I, 341 fg.) Der intelligible Charakter ist in allen Taten des Individuums gleichmäßig gegenwärtig und in ihnen allen, wie das Petschaft in tausend Siegeln, ausgeprägt. Von ihm erhält der empirische Charakter, der in der Zeit und Sukzession der Akte sich darstellt, seine Bestimmtheit, und zeigt in allen von den Motiven hervorgerufenen Äußerungen die Konstanz eines Naturgesetzes. (E. 175 fg. 251.)
Der empirische Charakter ist ganz und gar durch den intelligiblen, welcher grundloser, d. h. als Ding an sich dem Satz vom Grund (der Form der Erscheinung) nicht unterworfener Wille ist, bestimmt. Der empirische Charakter muss in einem Lebenslauf das Abbild des intelligiblen liefern, und kann nicht anders ausfallen, als das Wesen dieses es erfordert. Allein diese Bestimmung erstreckt sich nur auf das Wesentliche, nicht auf das Unwesentliche des demnach erscheinenden Lebenslaufs. Zu diesem Unwesentlichen gehört die nähere Bestimmung der Begebenheiten und Handlungen, welche der Stoff sind, an dem der empirische Charakter sich zeigt. (W. I, 189.)

5) Beseitigung einer falschen Folgerung aus der Unveränderlichkeit des empirischen Charakters.

Aus der Unveränderlichkeit des empirischen Charakters, als welcher die bloße Entfaltung des außerzeitlichen intelligiblen ist, könnte sehr leicht die Folgerung zu Gunsten der verwerflichen Neigungen gezogen werden, dass es vergebliche Mühe wäre, an einer Besserung seines Charakters zu arbeiten, oder der Gewalt böser Neigungen zu widerstreben, daher es geratener wäre, sich dem Unabänderlichen zu unterwerfen und jeder Neigung, sei sie auch böse, sofort zu willfahren. Diese Folgerung aber ist falsch. Denn, obgleich unsere Taten immer unserm Charakter gemäß ausfallen, so ist uns doch keine Einsicht a priori in diesen gegeben; sondern nur a posteriori, durch die Erfahrung lernen wir, wie die Andern, so auch uns selbst kennen. Brachte der intelligible Charakter es mit sich, dass wir einen guten Entschluss nur nach langem Kampf gegen eine böse Neigung fassen konnten; so muss dieser Kampf vorhergehen und abgewartet werden. Die Reflexion über die Unveränderlichkeit des Charakters, über die Einheit der Quelle, aus welcher alle unsere Taten fließen, darf uns nicht verleiten, zu Gunsten des einen, noch des anderen Teiles, der Entscheidung des Charakters vorzugreifen; am erfolgenden Entschluss werden wir sehen, welcher Art wir sind, und uns an unseren Taten spiegeln. (W. I, 355—357.)

6) Der erworbene Charakter.

Neben dem intelligiblen und empirischen Charakter ist als ein Drittes, von beiden Verschiedenes zu erwähnen der erworbene Charakter. (W. I, 357.) Erst die genaue Kenntnis seines eigenen empirischen Charakters gibt dem Menschen Das, was man erworbenen Charakter nennt. Derjenige besitzt ihn, der seine eigenen Eigenschaften, gute wie schlechte, genau kennt und dadurch sicher weiß, was er sich zutrauen und zumuten darf, was aber nicht. Er spielt seine eigene Rolle, die er zuvor, vermöge seines empirischen Charakters, nur naturalisierte, jetzt kunstmäßig und methodisch, mit Festigkeit und Anstand, ohne jemals, wie man sagt, aus dem Charakter zu fallen. (E. 50.) Den erworbenen Charakter erhält man erst im Leben durch den Weltgebrauch, und von ihm ist die Rede, wenn man gelobt wird als ein Mensch, der Charakter hat, oder getadelt als charakterlos. (W. I, 357—362.)

7) Erkennbarkeit des Charakters.

Während das Tun des Tieres bloß durch anschauliche Motive bestimmt wird, und daher der Charakter des Tieres, wo nicht etwa Dressur entgegenwirkt, leicht zu erkennen ist, hat sich beim Menschen mit der Vernunft und den durch sie gelieferten abstrakten Motiven, welche ihn von der Gegenwart und anschaulichen Umgebung unabhängig machen, die Fähigkeit der Verstellung eingestellt. Diese drückt allen seinen Bewegungen das Gepräge des Vorsätzlichen, Berechneten auf, und darum ist der Charakter des Menschen viel schwerer erkennbar, als der des Tieres. (W. I, 156. N. 78.)
Jedoch wie ein Botaniker an Einem Blatt die ganze Pflanze erkennt; wie Cuvier aus Einem Knochen das ganze Tier konstruiert; so kann man aus Einer charakteristischen Handlung eines Menschen eine richtige Kenntnis seines Charakters erlangen, also ihn gewissermaßen daraus konstruieren; sogar auch wenn diese Handlung eine Kleinigkeit betrifft; ja, dann oft am besten; denn bei wichtigen Dingen nehmen die Leute sich in Acht, bei Kleinigkeiten folgen sie, ohne vieles Bedenken, ihrer Natur. (P. II, 246.) In Kleinigkeiten, als bei welchen der Mensch sich nicht zusammennimmt, zeigt er seinen Charakter, und da kann man oft an geringfügigen Handlungen, an bloßen Manieren, seinen Charakter kennen lernen. (P. I, 482.)
Da der Leib des menschlichen Individuums nur die Sichtbarkeit seines individuellen Willens ist, also diesen objektiv darstellt, so muss nicht nur die Beschaffenheit seines Intellekts aus der seines Gehirns und dem dasselbe excitirenden Blutlauf, sondern auch sein gesamter moralischer Charakter mit allen seinen Zügen und Eigenheiten muss aus der näheren Beschaffenheit seiner ganzen übrigen corporisation, also aus der Textur, Größe, Qualität und dem gegenseitigen Verhältnis des Herzens, der Leber, der Lunge, der Milz, der Nieren u. s. w. zu verstehen und abzuleiten sein; wenn wir auch wohl nie dahin gelangen werden, dies wirklich zu leisten. Aber objektiv muss die Möglichkeit dazu vorhanden sein. (P. II, 189.)

8) Erklärung des Disharmonischen und Harmonischen im Charakter.

Das Disharmonische, Ungleiche, Schwankende im Charakter der meisten Menschen möchte vielleicht daraus abzuleiten sein, dass das Individuum keinen einfachen Ursprung hat, sondern den Willen vom Vater, den Intellekt von der Mutter überkommt. (Vergl. Vererbung.) Je heterogener, unangemessener zu einander beide Eltern waren, desto größer wird jene Disharmonie sein. Während Einige durch ihr Herz, Andere durch ihren Kopf exzellieren, gibt es noch Andere, deren Vorzug bloß in einer gewissen Harmonie und Einheit des ganzen Wesens liegt, welche daraus entsteht, dass bei ihnen Herz und Kopf einander so überaus angemessen sind, dass sie sich wechselseitig unterstützen und hervorheben; welches vermuten lässt, dass ihre Eltern eine besondere Angemessenheit und Übereinstimmung zu einander hatten. (W. II, 601.)

9) Aufhebung des Charakters.

So lange die Erkenntnis keine andere als die im principio individuationis (s. Individuation) befangene, dem Satz vom Grund schlechthin nachgehende ist, ist auch die Gewalt der Motive auf den Willen unwiderstehlich; wann aber das principium individuationis durchschaut, die Ideen, ja das Wesen der Dinge an sich, als der selbe Wille in Allem, unmittelbar erkannt wird, und aus dieser Erkenntnis ein allgemeines Quietiv (s. Quietiv) des Wollens hervorgeht, dann werden die einzelnen Motive unwirksam, weil die ihnen entsprechende Erkenntnisweise, durch eine ganz andere verdunkelt, zurückgetreten ist. Daher kann der Charakter sich zwar nimmermehr teilweise ändern, sondern muss, mit der Konsequenz eines Naturgesetzes, im Einzelnen den Willen ausführen, dessen Erscheinung er im Ganzen ist; aber eben dieses Ganze, der Charakter selbst, kann völlig aufgehoben werden, durch die angegebene Veränderung der Erkenntnis. Diese seine Aufhebung ist es, was in der christlichen Kirche, sehr treffend, die Wiedergeburt, und die Erkenntnis aus der sie hervorgeht, ist Das, was die Gnadenwirkung genannt wurde. (W. I, 477.) Eben daher, dass nicht von einer Änderung, sondern von einer gänzlichen Aufhebung des Charakters die Rede ist, kommt es, dass so verschieden vor jener Aufhebung die Charaktere, welche sie getroffen, auch waren, sie dennoch nach derselben eine große Gleichheit in der Handlungsweise zeigen, obwohl noch jeder, nach seinen Begriffen und Dogmen, sehr verschieden redet. (W. I, 477.)