Schopenhauers Kosmos

 

 Bewegung.

1) Bewegung als Praedicabilia a priori der Materie.

Alle Bewegung ist nur der Materie möglich. Die Materie ist das Beharrende in der Zeit und das Bewegliche im Raum; durch den Vergleich des Ruhenden mit dem Bewegten messen wir die Dauer. Die Größe der Bewegung ist, bei gleicher Geschwindigkeit, im geraden geometrischen Verhältnis der Materie (Masse). Messbar, d. h. ihrer Quantität nach bestimmbar, ist die Materie als solche (die Masse) nur indirekt, nämlich durch die Größe der Bewegung, welche sie empfängt und gibt, indem sie fortgestoßen oder angezogen wird. (W. II, 55, Tafel der Praedicabilia a priori der Materie, Nr. 15—18. und hierzu die Anmerkung W. II, 58—60.)

2) Bewegung als ursprünglicher Zustand der Weltkörper.

Da jeder Körper als Erscheinung des Willens angesehen werden muss, Wille aber notwendig als ein Streben sich darstellt, so kann der ursprüngliche Zustand jedes zur Kugel geballten Weltkörpers nicht Ruhe sein, sondern Bewegung, Streben vorwärts in den unendlichen Raum, ohne Rast und Ziel. Diesem steht weder das Gesetz der Trägheit, noch das der Kausalität entgegen; denn da, nach jenem, die Materie als solche gegen Ruhe und Bewegung gleichgültig ist, so kann Bewegung, so gut wie Ruhe, ihr ursprünglicher Zustand sein; daher, wenn wir sie in Bewegung vorfinden, wir ebenso wenig berechtigt sind vorauszusetzen, dass derselben ein Zustand der Ruhe vorhergegangen sei, und nach der Ursache des Eintritts der Bewegung zu fragen, als umgekehrt, wenn wir sie in Ruhe fänden, wir eine dieser vorhergegangene Bewegung vorauszusetzen und nach der Ursache ihrer Aufhebung zu fragen hätten. (W. I, 176 fg.)

3) Die Bewegung als Äußerung des Selbsterhaltungstriebes.

Als Grundbestrebung des Willens finden wir überall die Selbsterhaltung. Alle Äußerungen dieser Grundbestrebung aber lassen sich stets zurückführen auf ein Suchen oder Verfolgen, und ein Meiden oder Fliehen, je nach dem Anlass. Dies zeigt sich nicht bloß bei lebenden und erkennenden Wesen, sondern auch schon auf der allerniedrigsten Stufe der Natur, wo die Körper nur als Körper, also rein mechanisch wirken. Auch hier noch zeigt sich das Suchen als Gravitation, das Fliehen aber als Empfangen von Bewegung, und die Beweglichkeit der Körper durch Druck oder Stoß, welche die Basis der Mechanik ausmacht, ist im Grunde eine Äußerung des auch ihnen innewohnenden Strebens nach Selbsterhaltung. Der gestoßene und gedrückte Körper würde von dem stoßenden oder drückenden zermalmt werden, wenn er nicht, um seine Kohäsion zu retten, der Gewalt desselben sich durch die Flucht entzöge, und wo diese ihm benommen ist, geschieht es wirklich. Ja, man kann die elastischen Körper als die mutigeren betrachten, welche den Feind zurückzutreiben suchen. So sehen wir denn in der Mitteilbarkeit der Bewegung eine Äußerung der Grundbestrebung des Willens in allen seinen Erscheinungen, also des Triebes zur Selbsterhaltung, der als das Wesentliche sich auch noch auf der untersten Stufe erkennen lässt. (W. II, 338 fg.)

4) Es gibt nicht zwei grundverschiedene Prinzipien der Bewegung.

Die gewöhnliche Ansicht der Natur nimmt an, dass es zwei grundverschiedene Prinzipien der Bewegung gebe, dass nämlich die Bewegung eines Körpers entweder von Innen ausgehe, wo man sie dem Willen zuschreibt, oder von Außen, wo sie durch Ursachen entsteht. Aber so alt und allgemein diese Ansicht auch sein mag, so falsch ist sie doch. Es gibt nicht zwei grundverschiedene Ursprünge der Bewegung, sondern die Bewegung von Innen und von Außen findet bei jeder Bewegung eines Körpers zugleich und unzertrennlich Statt. Denn die eingeständlich aus dem Willen entspringende Bewegung setzt immer auch eine Ursache voraus; diese ist bei erkennenden Wesen ein Motiv, ohne welches bei diesen die Bewegung unmöglich ist. Und andererseits, die eingeständlich durch eine äußere Ursache bewirkte Bewegung eines Körpers ist an sich doch Äußerung seines Willens, welche durch die Ursache bloß hervorgerufen wird. Es gibt demnach nur ein einziges, einförmiges, durchgängiges und ausnahmsloses Prinzip aller Bewegung: ihre innere Bedingung ist Wille, ihr äußerer Anlass Ursache, welche, nach Beschaffenheit des Bewegten, auch in Gestalt des Reizes oder Motivs auftreten kann. (N. 84 fg.)

5) Unterschied der unwillkürlichen und willkürlichen Bewegung.

Die nicht vom Gehirn ausgehenden und daher nicht auf Motive, sondern auf bloße Reize geschehenden Bewegungen sind unwillkürlich, die ersteren hingegen willkürlich. Marshall Hall hat in der Entdeckung der Reflexbewegungen uns eigentlich die Theorie der unwillkürlichen Bewegungen geliefert. Diese sind teils normale oder physiologische, wie die Verschließung der Ein- und Ausgänge des Leibes (der sphincteres vesicae et ani), der Augenlider im Schlaf, sodann das Schlucken, Gähnen, Niesen, die Erektion, Ejakulation u. s. w., teils sind sie abnormale und pathologische, wie das Stottern, Schluchzen, Erbrechen, die Krämpfe und Konvulsionen aller Art. Diese sämtlichen Bewegungen sind unwillkürlich, weil sie nicht vom Gehirn ausgehen und daher nicht auf Motive geschehen, sondern auf bloße Reize. Die sie veranlassenden Reize gelangen bloß zum Rückenmark, oder zur medulla oblongata, und von da aus geschieht unmittelbar die Reaktion, welche die Bewegung bewirkt. Dasselbe Verhältnis, welches das Gehirn zu Motiv und Handlung hat, hat das Rückenmark zu jenen unwillkürlichen Bewegungen. Dass dennoch, in den Einen, wie in den Andern, das eigentlich bewegende der Wille ist, fällt um so deutlicher in die Augen, als die unwillkürlich bewegten Muskeln großenteils dieselben sind, welche, unter anderen Umständen, vom Gehirn aus bewegt werden, in den willkürlichen Aktionen, wo ihr primum mobile uns durch das Selbstbewusstsein als Wille intim bekannt ist. (W. II, 291 fg.; N. 23 fg.)
Die vom Gehirn ausgehenden willkürlichen Bewegungen ermüden uns, welche Ermüdung ihren Sitz im Gehirn, nicht, wie wir wähnen, in den Gliedern hat, daher sie den Schlaf befördert; hingegen die nicht vom Gehirn aus erregten, also unwillkürlichen Bewegungen des organischen Lebens, des Herzens, der Lunge u. s. w. gehen unermüdlich fort. (P. II, 676.)

6) Beweglichkeit (Agilität) der Glieder.

Physiologisch merkwürdig ist, dass das Übergewicht der Masse des Gehirns über die des Rückenmarks und der Nerven, welches nach Sömmerrings scharfsinniger Entdeckung den wahren nächsten Maßstab für den Grad der Intelligenz, sowohl in den Tiergeschlechtern, als in den menschlichen Individuen, abgibt, zugleich die unmittelbare Beweglichkeit, die Agilität der Glieder vermehrt; weil, durch die große Ungleichheit des Verhältnisses, die Abhängigkeit aller motorischen Nerven vom Gehirn entschiedener wird; wozu wohl noch kommt, dass an der qualitativen Vollkommenheit des großen Gehirns auch die des kleinen, dieses nächsten Lenkers der Bewegungen, Teil nimmt; durch Beides also alle willkürlichen Bewegungen größere Leichtigkeit, Schnelle und Behändigkeit gewinnen. Darum deutet Schwerfälligkeit im Gange des Körpers auf Schwerfälligkeit im Gange der Gedanken und wird als ein Zeichen der Geistlosigkeit betrachtet. (W. II, 321 fg.; P. II, 675 fg.)

7) Wichtigkeit der Bewegung für die Gesundheit und das Lebensglück.

Ohne tägliche gehörige Bewegung kann man nicht gesund bleiben und ohne Gesundheit nicht heiter sein. Alle Lebensprozesse erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie vorgehen, als des Ganzen. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im ganzen Inneren des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung. Wenn nun hierbei, wie es bei der sitzenden Lebensweise der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht ein schreiendes und verderbliches Missverhältnis zwischen der äußeren Ruhe und dem inneren Tumult. Denn sogar will die beständige innere Bewegung durch die äußere etwas unterstützt sein; jenes Missverhältnis aber wird dem analog, wenn, in Folge irgend eines Affekts, es in unserm Inneren kocht, wir aber nach Außen nichts davon sehen lassen dürfen. Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind. (P. I, 343.)
Wie unser physisches Leben nur in und durch eine unaufhörliche Bewegung besteht; so verlangt auch unser inneres, geistiges Leben fortwährend Beschäftigung mit irgend etwas durch Tun oder Denken. Unser Dasein nämlich ist ein wesentlich rastloses; daher wird die gänzliche Untätigkeit uns bald unerträglich, führt Langeweile herbei. Diesen Trieb nun soll man regeln, um ihn methodisch und dadurch besser zu befriedigen. (P. I, 466.)