Schopenhauers Kosmos

 

 Besserung.

1) Sphäre und Bereich der Besserung.

Auf der Konstanz des Charakters (s. Charakter) beruht es, dass ein Mensch, selbst bei der deutlichsten Erkenntnis, ja Verabscheuung seiner moralischen Fehler, ja beim aufrichtigsten Vorsatz der Besserung, doch eigentlich sich nicht bessert, sondern immer wieder in dieselben Fehler fällt. Bloß seine Erkenntnis lässt sich berichtigen; dann ändert er die Mittel zu seinen Zwecken, nicht die Zwecke. Die Sphäre und der Bereich aller Besserung und Veredelung liegt allein in der Erkenntnis. Der Charakter ist unveränderlich. (E. 51 fg. 254.) Einsicht, Erkenntnis kann man erlangen und wieder verlieren, kann sie ändern, bessern, verderben; aber den Willen kann man nicht ändern: darum ich begreife, ich erkenne, ich sehe ein — ist wandelbar und unsicher; ich will, nach rechterkannten Motiven gesagt, ist fest wie die Natur selbst. (H. 394.)

2) Unwirksamkeit der Ethik und Religion zur moralischen Besserung.

Weiter, als auf die Berichtigung der Erkenntnis, erstreckt sich keine moralische Einwirkung, und das Unternehmen, die Charakterfehler eines Menschen durch Reden und Moralisieren aufheben und so seinen Charakter selbst, seine eigentliche Moralität, umschaffen zu wollen, ist ganz gleich dem Vorhaben, Blei durch äußere Einwirkung in Gold zu verwandeln, oder eine Eiche durch sorgfältige Pflege dahin zu bringen, dass sie Aprikosen trüge. (E. 52.)
Wenn nicht der Charakter, als Ursprüngliches, unveränderlich und daher, aller Besserung unzugänglich wäre; wenn vielmehr, wie die platte Ethik es behauptet, eine Besserung des Charakters mittelst der Moral möglich wäre; — so müsste, sollen nicht alle die vielen religiösen Anstalten und moralisierenden Bemühungen ihren Zweck verfehlt haben, wenigstens im Durchschnitt die ältere Hälfte der Menschen bedeutend besser, als die jüngere sein. Davon ist aber so wenig eine Spur, dass wir umgekehrt eher von jungen Leuten etwas Gutes hoffen, als von alten. (E. 251 fg.)

3) Was zur moralischen Besserung erfordert wäre.

Zur wirklichen Besserung wäre erfordert, dass man die ganze Art der Empfänglichkeit für Motive, auf welcher die angeborene und ursprüngliche Verschiedenheit der Charaktere beruht, umwandelte, also z. B. machte, dass dem Einen fremdes Leiden als solches nicht mehr gleichgültig, dem Anderen die Verursachung desselben nicht mehr Genuss wäre, oder einem Dritten nicht jede, selbst die geringste Vermehrung des eigenen Wohlseins alle Motive anderer Art weit überwöge und unwirksam machte. Dies aber ist viel gewisser unmöglich, als Umwandlung des Bleis in Gold. Denn es würde erfordert, dass man dem Menschen gleichsam das Herz im Leibe umkehrte, sein tief Innerstes umschüfe. (E. 254.)