Schopenhauers Kosmos

 

 Auge.

l) Das Auge als Ausgangspunkt der Anschauung.

Unter allen Sinnen ist das Gesicht der feinsten und mannigfaltigsten Eindrücke von außen fähig; dennoch kann es an sich bloß Empfindung geben, welche erst durch Anwendung des Verstandes auf dieselbe zur Anschauung wird. (Vergl. unter Anschauung: Intellektualität der Anschauung.) Könnte Jemand, der vor einer schönen, weiten Aussicht steht, auf einen Augenblick alles Verstandes beraubt werden, so würde ihm von der ganzen Aussicht nichts übrig bleiben, als die Empfindung einer sehr mannigfaltigen Affektion seiner Retina, den vielerlei Farbenflecken auf einer Malerpalette ähnlich, — welche gleichsam der rohe Stoff ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene Anschauung schuf. Das Kind in den ersten Wochen seines Lebens empfindet mit allen Sinnen, aber es schaut nicht an, es apprehendiert nicht, daher starrt es dumm in die Welt hinein.
Das Kind muss die Anschauung erst erlernen, indem es die von dem Auge gelieferten Data mittelst des Verstandes als Wirkungen auffasst und auf ihre Ursachen zurückbezieht. Das erste zur Erlernung der Anschauung Wesentliche ist das Aufrechtsehen der Gegenstände, während ihr Eindruck im Auge ein verkehrter ist. Das zweite ist, dass das Kind, obwohl es mit zwei Augen sieht, deren jedes ein sogenanntes Bild des Gegenstandes erhält, und zwar so, dass die Richtung vom selbigen Punkte des Gegenstandes zu jedem Auge eine andere ist, dennoch nur einen Gegenstand sehen lernt.
Die Sinne sind bloß die Ausgangspunkte der Anschauung der Welt. Ihre Modifikationen sind daher vor aller Anschauung gegeben, als bloße Empfindungen, sind die Data, aus denen erst im Verstande die erkennende Anschauung wird. Zu diesen gehört ganz vorzüglich der Eindruck des Lichts auf das Auge und demnächst die Farbe, als eine Modifikation dieses Eindrucks. Diese sind also die Affektion des Auges, sind die Wirkung selbst, welche da ist, auch ohne dass sie auf eine Ursache bezogen werde. Das neugeborene Kind empfindet Licht und Farbe. Verwandelt der Verstand die Empfindung in Anschauung, dann wird freilich diese Wirkung auf ihre Ursache bezogen und übertragen und dem einwirkenden Körper Licht oder Farbe als Qualitäten beigelegt. (F. Kap. 1. G. §. 21, S. 58 ff.)

2) Das Auge in physiologischer Hinsicht.

Die Sinne sind bloß die Ausläufe des Gehirns, durch welche es von Außen den Stoff (in Gestalt der Empfindung) empfängt, den es zur anschaulichen Vorstellung verarbeitet. Diejenigen Empfindungen nun welche hauptsächlich zur objektiven Auffassung der Außenwelt dienen sollten, mussten an sich selbst weder angenehm noch unangenehm sein, d. h. den Willen nicht berühren, da sonst die Empfindung selbst unsere Aufmerksamkeit fesseln und uns hindern würde, von ihr als Wirkung sogleich zur Ursache überzugehen. Demgemäß sind auch die Empfindungen der beiden edleren Sinne (des Gesichts und Gehörs), die Farben und Töne, an sich selbst und so lange ihr Eindruck das normale Maß nicht überschreitet, weder schmerzliche noch angenehme Empfindungen, sondern treten mit derjenigen Gleichgültigkeit auf, die sie zum Stoff rein objektiver Anschauungen eignet. Physiologisch beruht dies darauf, dass in den Organen der edleren Sinne diejenigen Nerven, welche den spezifischen äußeren Eindruck aufzunehmen haben, gar keiner Empfindung von Schmerz fähig sind, sondern keine andere Empfindung, als die ihnen spezifisch eigentümliche, der bloßen Wahrnehmung dienende, kennen. Demnach ist die Retina, wie auch der optische Nerv, gegen jede Verletzung unempfindlich, und eben so ist es der Gehörnerv; in beiden Organen wird Schmerz nur in den übrigen Teilen derselben, den Umgebungen des ihnen eigentümlichen Sinnesnerven, empfunden, nie in diesem selbst; beim Auge hauptsächlich in der Conjunctiva, beim Ohr im meatus auditorius. Also nur vermöge dieser ihnen eigentümlichen Gleichgültigkeit in Bezug auf den Willen werden die Empfindungen des Auges geschickt, dem Verstande die so mannigfaltigen und so fein nuancierten Data zu liefern, aus denen er die objektive Welt aufbaut. (W. II, 30 fg.)

3) Das Auge in physiognomischer Hinsicht.

Viel besser, als aus den Gesten und Bewegungen, sind aus dem Antlitz, vor allem aus dem Auge, die geistigen Eigenschaften eines Menschen zu erkennen, vom kleinen, trüben, mattblickenden Schweinsauge an, durch alle Zwischenstufen, bis zum strahlenden und blitzenden Auge des Genies hinauf. — Der Blick der Klugheit, selbst der feinsten, ist von dem der Genialität dadurch verschieden, dass er das Gepräge des Willensdienstes trägt; der andere hingegen davon frei ist. (P. II, 676.)
In der Kindheit liegt unser ganzes Dasein viel mehr im Erkennen, als im Wollen, welcher Zustand zudem noch von Außen durch die Neuheit aller Gegenstände unterstützt wird. Daher liegt die Welt, im Morgenglanz des Lebens, so frisch, so zauberisch schimmernd, so anziehend vor uns. Die kleinen Begierden, schwankenden Neigungen und geringfügigen Sorgen der Kindheit sind gegen jenes Vorwalten der erkennenden Tätigkeit nur ein schwaches Gegengewicht. Der unschuldige und klare Blick der Kinder, an dem wir uns erquicken und der bisweilen im einzelnen den erhabenen kontemplativen Ausdruck, mit welchem Raphael seine Engelsköpfe verherrlicht hat, erreicht, ist aus dem Gesagten erklärlich. (W. II, 450; P. I, 509.)
Wenngleich das Moralische schwerer aus der Physiognomie zu erkennen ist, als das Intellektuelle, so drückt sich doch auch Jenes in ihr aus. Schlechte Gedanken und nichtswürdige Bestrebungen drücken allmählich dem Antlitz ihre Spuren ein, zumal dem Auge. (P. II, 677.)
An dem Ausdruck des Blickes kann man trotz aller sonstigen Veränderungen der Form des Leibes auch nach vielen Jahren noch einen Menschen wiedererkennen, welches beweist, dass trotz aller Veränderungen, die an ihm die Zeit hervorbringt, doch etwas in ihm davon völlig unberührt bleibt, der Kern seines Wesens. (W. II, 269.)
In den Mienen der auf Gemälden dargestellten Heiligen, besonders den Augen, sehen wir den Ausdruck, den Widerschein der vollkommensten Erkenntnis, derjenigen nämlich, welche nicht auf einzelne Dinge gerichtet ist, sondern die Idee, also das ganze Wesen der Welt und des Lebens vollkommen aufgefasst hat und zur Resignation führt. (W. I, 274 fg.)
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