Schopenhauers Kosmos

 

 Atom. Atomistik.

1) Die Annahme der Atome ist keine notwendige.

Kants, freilich nur zu dialektischem Behuf aufgestellte, die Atome verteidigende Thesis der zweiten Antinomie ist ein bloßes Sophisma (vergl. Antinomien), und keineswegs leitet unser Verstand selbst uns notwendig auf die Annahme von Atomen hin. Denn, so wenig wir genötigt sind, die vor unseren Augen vorgehende stetige und gleichförmige Bewegung eines Körpers uns zu denken als bestehend aus unzähligen absolut schnellen, aber abgesetzten und durch eben so viele absolut kurze Zeitpunkte der Ruhe unterbrochene Bewegungen; ebenso wenig sind wir genötigt, uns die Masse eines Körpers als aus Atomen und deren Zwischenräumen, d. h. dem absolut Dichten und dem absolut Leeren bestehend zu denken; sondern wir fassen, ohne Schwierigkeit, jene beiden Erscheinungen als stetige Kontinua auf, deren eines die Zeit, das andere den Raum gleichmäßig erfüllt. Wie aber dabei dennoch eine Bewegung schneller als die andere sein, d. h. in gleicher Zeit mehr Raum durchlaufen kann, so kann auch ein Körper spezifisch schwerer als der andere sein, d. h. in gleichem Raume mehr Materie enthalten. Der Unterschied beruht nämlich in beiden Fällen auf der Intensität der wirkenden Kraft. — Aber sogar, wenn man die hier aufgestellte Analogie nicht gelten lassen, sondern darauf bestehen wollte, dass die Verschiedenheit des spezifischen Gewichts ihren Grund stets nur in der Porosität haben könne, so würde diese Annahme noch immer nicht auf Atome, sondern bloß auf eine völlig dichte und in den verschiedenen Körpern ungleich verteilte Materie leiten, die daher da, wo keine Poren mehr hindurchsetzten, zwar schlechterdings nicht weiter komprimabel wäre, aber dennoch stets, wie der Raum, den sie füllt, ins Unendliche teilbar bliebe, weil darin, dass sie ohne Poren wäre, gar nicht liegt, dass keine mögliche Kraft die Kontinuität ihrer räumlichen Teile aufzuheben vermöchte. (W. II, 344 fg.)
Die Atome sind kein notwendiger Gedanke der Vernunft, sondern bloß eine Hypothese zur Erklärung der Verschiedenheit des spezifischen Gewichts der Körper. Dass wir aber auch dieses anderweitig und sogar besser und einfacher als durch Atomistik erklären können, hat Kant in der Dynamik seiner Metaphysischen Anfangsgründe zur Naturwissenschaft, vor ihm jedoch Priestley gezeigt. Ja, schon im Aristoteles ist der Grundgedanke davon zu finden. (W. I, 590.) In Deutschland hat Kants Lehre den Absurditäten der Atomistik und der durchweg mechanischen Physik auf die Dauer vorgebeugt, wenngleich im gegenwärtigen Augenblick diese Ansichten auch hier grassieren. (W. II, 343.) In Wahrheit sind die Atome eine fixe Idee der französischen Gelehrten, daher diese von ihnen reden, als hätten sie sie gesehen. Dass aber eine so empirisch gesinnte Nation, wie die Franzosen, fest an einer völlig transzendenten, alle Möglichkeit der Erfahrungen überfliegenden Hypothese halten kann, ist eine Folge des bei ihnen zurückgebliebenen Zustandes der Metaphysik. (W. II, 343; P. II 117.)
Das Atom ist ohne Realität — dies ist eines der Prädicabilien a priori der Materie. (W. II, 55, Tafel der Praedicabilia a priori der Materie Nr. 24.)

2) Die chemischen Atome sind nicht im eigentlichen Sinne Atome.

Die chemischen Atome sind bloß der Ausdruck der beständigen festen Verhältnisse, in denen die Stoffe sich mit einander verbinden, welchem Ausdruck, da er in Zahlen gegeben werden musste, man eine beliebig angenommene Einheit, das Gewicht des Quantums Oxygen, mit dem sich jeder Stoff verbindet, zu Grunde gelegt hat; für diese Gewichtsverhältnisse hat man aber, höchst unglücklicher Weise, den alten Ausdruck Atom gewählt, und hieraus ist unter den Händen der französischen Chemiker eine krasse Atomistik erwachsen, welche die Sache als Ernst nimmt, jene bloßen Rechenpfennige als wirkliche Atome hypostasiert und nun von dem Arrangement derselben in einem Körper so, im anderen anders, redet, um daraus deren Qualitäten und Verschiedenheiten zu erklären, ohne irgend eine Ahndung von der Absurdität der Sache zu haben. (P. II, 117.)
Wenn die chemischen Atome im eigentlichen Sinn, also objektiv und als real verstanden werden; so gibt es im Grunde gar keine eigentliche chemische Verbindung mehr, sondern eine jede läuft zurück auf ein sehr feines Gemenge verschiedener und ewig geschieden bleibender Atome, während der eigentümliche Charakter einer chemischen Verbindung gerade darin besteht, dass ihr Produkt ein durchaus homogener Körper sei, d. h. ein solcher, in welchem kein selbst unendlich kleiner Teil angetroffen werden kann, der nicht beide verbundene Substanzen enthielte. (P. II, 120.) Bei der Zurückführung der chemischen Verbindungen auf sehr feine Atomengemenge findet freilich die Manie und fixe Idee der Franzosen, Alles auf mechanische Hergänge zurückzuführen, ihre Rechnung, aber nicht die Wahrheit. (P. II, 121.)

3) Widerlegung der aus der Porosität geschöpften Verteidigung der Atome.

Die Verteidigung der Atome ließe sich dadurch führen, dass man von der Porosität ausginge und etwa sagte: alle Körper haben Poren, also auch alle Teile eines Körpers; ginge es nun hiermit ins Unendliche fort, so würde von einem Körper zuletzt nichts als Poren übrig bleiben. — Die Widerlegung wäre, dass das übrig Bleibende zwar als ohne Poren und insofern als absolut dicht anzunehmen sei; jedoch darum noch nicht als aus absolut unteilbaren Partikeln, Atomen, bestehend. Demnach wäre es wohl absolut inkompressibel, aber nicht absolut unteilbar; man müsste denn die Teilung eines Körpers als allein durch Eindringen in seine Poren möglich behaupten wollen, was aber ganz unerwiesen ist. Nimmt man es jedoch an, so hat man zwar Atome, d. h. absolut unteilbare Körper, also Körper von so starker Kohäsion ihrer räumlichen Teile, dass keine mögliche Gewalt sie trennen kann; solche Körper aber kann man alsdann so gut groß, wie klein annehmen, und ein Atom könnte so groß sein wie ein Ochs, wenn es nur jedem möglichen Angriff widerstände (W. II, 345.)

4) Wie Atome, wenn es welche gäbe, beschaffen sein müssten.

Ein Atom wäre nicht etwa bloß ein Stück Materie ohne alle Poren, sondern, da es unteilbar sein muss, entweder ohne Ausdehnung (dann wäre es aber nicht Materie), oder mit absoluter, d. h. jeder möglichen Gewalt überlegener Kohäsion seiner Teile begabt. (P. II, 120.)
Wenn es Atome gäbe, müssten sie unterschiedslos und eigenschaftslos sein, also nicht Atome Schwefel und Atome Eisen u. s. w. sondern bloß Atome Materie; weil die Unterschiede die Einfachheit aufheben, z. B. das Atom Eisen irgend etwas enthalten müsste, was dem Atom Schwefel fehlt, demnach nicht einfach, sondern zusammengesetzt wäre. Wenn überhaupt Atome möglich, so sind sie nur als die letzten Bestandteile der absoluten oder abstrakten Materie, nicht aber der bestimmten Stoffe denkbar. (P. II, 121.)
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