Schopenhauers Kosmos

 

 Amerika. Amerikaner.

1) Amerika in physischer Hinsicht, verglichen mit der alten Welt.

Die alte Welt, Amerika und Australien haben bekanntlich Jedes seine eigentümliche selbstständige und von der der beiden anderen gänzlich verschiedene Tierreihe. Die Spezies sind auf jedem dieser großen Kontinente durchweg andere, haben aber doch, weil alle drei demselben Planeten angehören, eine durchgängige und parallel laufende Analogie miteinander, daher die genera größtenteils die selben sind. Diese Analogie ist zwischen der alten Welt und Amerika augenfällig und zwar so, dass Amerika an Säugetieren stets das schlechtere Analogon aufweist, dagegen aber an Vögeln und Reptilien das bessere. So hat es zwar den Condor, die Aras, die Kolibris und die größten Batrachier und Ophidier voraus; aber z. B. statt des Elefanten nur den Tapir, statt des Löwen den Kuguar, statt des Tigers den Jaguar, statt des Kamels das Lama und statt der eigentlichen Affen nur Meerkatzen. Schon aus diesem letzteren Mangel lässt sich schließen, dass die Natur es in Amerika nicht bis zum Menschen hat bringen können, da sogar von der nächsten Stufe unter diesem, dem Schimpanse und dem Orang-Utan oder Pongo der Schritt bis zum Menschen noch ein unmäßig großer war. Dem entsprechend finden wir die Drei, sowohl aus physiologischen als linguistischen Gründen nicht zu bezweifelnden gleich ursprünglichen Menschenrassen, die kaukasische, mongolische und äthiopische, allein in der alten Welt zu Hause, Amerika hingegen von einem gemischten oder klimatisch modifizierten, mongolischen Stamme bevölkert, der von Asien hinübergekommen sein muss. (W. II, 355.)

2) Charakter und Verfassung der Nordamerikaner.

In den vereinigten Staaten von Nordamerika sehen wir den Versuch einer Staatsverfassung gemacht, in welcher das ganz unversetzte, reine, abstrakte Recht herrsche. Allein der Erfolg ist nicht anlockend; denn bei aller materiellen Prosperität des Landes finden wir daselbst als herrschende Gesinnung den niedrigen Utilitarismus, nebst seiner unausbleiblichen Gefährtin, der Unwissenheit, welche der stupiden anglikanischen Bigotterie, dem dummen Dünkel, der brutalen Rohheit im Verein mit einfältiger Weiberveneration den Weg gebahnt hat u. s. w. Dies Probestück einer reinen Rechtsverfassung spricht also gar wenig für die Republiken, noch weniger aber die Nachahmungen desselben in Mexiko, Guatemala, Kolumbien und Peru. (P. U, 269 fg.)
Der eigentliche Charakter der Nordamerikaner ist Gemeinheit; sie zeigt sich an ihnen in allen Formen als moralische, Intellektuelle, ästhetische und gesellige Gemeinheit, und nicht bloß im Privatleben, sondern auch im öffentlichen. Sie verlässt den Yankee nicht, er stelle sich wie er will. Der Grund mag teils in der republikanischen Verfassung liegen, teils darin, dass ihre Abstammung zum Teil von einer Strafkolonie, zum Teil von Denen ist, die in Europa mancherlei zu fürchten hatten, — teils im Klima. (H. 385 fg.)

3) Die nordamerikanischen Wilden.

Die unzählige Mal wiederholte Nachricht, dass die nordamerikanischen Wilden unter dem Namen des großen Geistes Gott, den Schöpfer Himmels und der Erden, verehrten, mithin reine Theisten wären, ist ganz unrichtig. Dieser Irrtum ist widerlegt durch John Scoulers Abhandlung über die nordamerikanischen Wilden, aus der hervorgeht, dass die Religion dieser Indianer ein reiner Fetischismus ist, der in Zaubermitteln und Zaubereien besteht. (P. I, 140 fg.)
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