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Schopenhauers Kosmos

 

 Abstrakt. Abstrakte Vorstellung. Abstrakte Erkenntnis.

1) Das Abstrakte als Gegensatz des Intuitiven.

Der Hauptunterschied zwischen allen unseren Vorstellungen ist der des Intuitiven (Anschaulichen) und Abstrakten (aus dem Anschaulichen Abgezogenen). Letzteres macht nur eine Klasse von Vorstellungen aus, die Begriffe. (W. I, 7.)

2) Abhängigkeit des Abstrakten von dem Intuitiven.

Alle abstrakte Erkenntnis, wie sie aus der anschaulichen entsprungen ist, hat auch allen Wert allein durch ihre Beziehung auf diese, also dadurch, dass ihre Begriffe, oder deren Teilvorstellungen, durch Anschauungen zu realisieren, d. h. zu belegen sind. Begriffe und Abstraktionen, die nicht zuletzt auf Anschauungen hinleiten, gleichen Wegen im Walde, die ohne Ausgang endigen. (W. II, 89. I, 41.) Die abstrakte Vorstellung hat ihr ganzes Wesen einzig und allein in ihrer Beziehung auf eine andere Vorstellung, welche ihr Erkenntnisgrund ist. Diese kann nun zwar wieder zunächst eine abstrakte Vorstellung sein, und sogar auch diese wieder nur einen eben solchen abstrakten Erkenntnisgrund haben; aber nicht so ins Unendliche, sondern zuletzt muss die Reihe der Erkenntnisgründe mit einem Begriff schließen, der seinen Grund in der anschaulichen Erkenntnis hat (W. I, 48.) Daher hat die Klasse der abstrakten Vorstellungen von den anderen das Unterscheidende, dass in diesen der Satz vom Grund immer nur eine Beziehung auf eine andere Vorstellung der nämlichen Klasse fordert, bei den abstrakten Vorstellungen aber zuletzt eine Beziehung auf eine Vorstellung aus einer anderen Klasse. (W. I, 49.)

3) Bildung des Abstrakten aus dem Anschaulichen.

Bei der Bildung der abstrakten Vorstellungen zerlegt das Abstraktionsvermögen die anschaulichen Vorstellungen in ihre Bestandteile, um diese abgesondert, jeden für sich, denken zu können, als die verschiedenen Eigenschaften oder Beziehungen der Dinge. Bei diesem Prozesse nun aber büßen die Vorstellungen notwendig die Anschaulichkeit ein, wie Wasser, wenn in seine Bestandteile zerlegt, die Flüssigkeit und Sichtbarkeit. Denn jede also ausgesonderte (abstrahierte) Eigenschaft lässt sich für sich allein wohl denken, jedoch darum nicht für sich allein auch anschauen. Man hat solche Vorstellungen Begriffe genannt, weil jede derselben unzählige Einzeldinge unter sich begreift, also ein Inbegriff derselben ist. Man kann sie auch definieren als Vorstellungen aus Vorstellungen. (G. 97 fg.)

4) Verhältnis der abstrakten Erkenntnis zur intuitiven.

Die abstrakte Erkenntnis vereint oft mannigfaltige intuitive Erkenntnisse in eine Form oder einen Begriff, so dass sie nun nicht mehr zu unterscheiden sind. Daher sich die abstrakte Erkenntnis zur intuitiven verhält wie der Schatten zu den wirklichen Gegenständen, deren große Mannigfaltigkeit er durch einen sie alle befassenden Umriss wiedergibt. (W. I, 571.) Die anschauliche Erkenntnis erleidet bei ihrer Aufnahme in die Reflexion beinahe so viel Veränderung, wie die Nahrungsmittel bei ihrer Aufnahme in den tierischen Organismus, dessen Formen und Mischungen durch ihn selbst bestimmt werden und aus deren Zusammensetzung gar nicht mehr die Beschaffenheit der Nahrungsmittel zu erkennen ist, — oder (weil dieses ein wenig zu viel gesagt ist) die Reflexion verhält sich zur anschaulichen Erkenntnis keineswegs wie der Spiegel im Wasser zu den abgespiegelten Gegenständen, sondern kaum nur noch so, wie der Schatten dieser Gegenstände zu ihnen selbst, welcher Schatten nur einige äußere Umrisse wiedergibt, aber auch das Mannigfaltigste in dieselbe Gestalt vereinigt und das Verschiedenste durch den nämlichen Umriss darstellt, so dass keineswegs von ihm ausgehend sich die Gestalten der Dinge vollständig und sicher konstruieren ließen. (W. I, 538.)

5) Mittel zur Fixierung der abstrakten Vorstellungen.

Da die zu abstrakten Begriffen sublimierten und dabei zersetzten Vorstellungen alle Anschaulichkeit eingebüßt haben, so würden sie dem Bewusstsein ganz entschlüpfen und ihm zu den damit beabsichtigten Denkoperationen gar nicht Stand halten, wenn sie nicht durch Zeichen sinnlich fixiert und festgehalten würden: dies sind die Worte. (G. 99)

6) Nutzen der abstrakten Vorstellungen.

Dadurch, dass die aus dem Anschaulichen abstrahierten Begriffe weniger in sich enthalten als die Vorstellungen daraus sie abstrahiert worden, sind sie leichter zu handhaben als diese, und verhalten sich zu ihnen ungefähr, wie die Formeln in der höheren Arithmetik zu den Denkoperationen, aus denen solche hervorgegangen sind und die sie vertreten, oder wie der Logarithmus zu seiner Zahl. Sie enthalten von den vielen Vorstellungen, aus denen sie abgezogen sind, gerade nur den Teil, den man braucht; statt dass, wenn man jene Vorstellungen selbst durch die Phantasie vergegenwärtigen wollte, man gleichsam eine Last von Unwesentlichem mitschleppen müsste und dadurch verwirrt würde: jetzt aber, durch Anwendung von Begriffen (abstrakten Vorstellungen), denkt man nur die Teile und Beziehungen aller dieser Vorstellungen, die der jedesmalige Zweck erfordert. Ihr Gebrauch ist demnach dem Abwerfen unnützen Gepäcks, oder auch dem Operieren mit Quintessenzen, statt mit den Pflanzenspezies selbst, zu vergleichen. (G. 101.) Beim eigenen Nachdenken ist die Abstraktion ein Abwerfen unnützen Gepäcks zum Behuf leichterer Handhabung der zu vergleichenden und darum hin und her zu werfenden Erkenntnisse. Man lässt nämlich dabei das viele Unwesentliche, daher nur Verwirrende der realen Dinge weg und operiert mit wenigen aber wesentlichen in abstrakto gedachten Bestimmungen. Aber eben, weil die Allgemeinbegriffe nur durch Wegdenken und Auslassen vorhandener Bestimmungen entstehen, und daher, je allgemeiner, desto leerer sind, beschränkt der Nutzen jenes Verfahrens sich auf die Verarbeitung unserer bereits erworbenen Erkenntnisse. Neue Grundeinsichten hingegen sind nur aus der anschaulichen, als der allein vollen und reichen Erkenntnis zu schöpfen mit Hilfe der Urteilskraft. (W. II, 68. 89.)

7) Unzulänglichkeit des Abstrakten.

Das Abstrakte kann das Anschauliche nie ersetzen, weil Begriffe stets allgemein bleiben und daher auf das Einzelne nicht herab gelangen. Daher die Unzulänglichkeit des Abstrakten für das praktische Leben, wo doch das zu Behandelnde ein Einzelnes ist. Im Praktischen vermag die intuitive Erkenntnis des Verstandes unser Tun und Benehmen unmittelbar zu leiten, während die abstrakte der Vernunft es nur unter Vermittlung des Gedächtnisses kann. Hieraus entspringt der Vorzug der intuitiven Erkenntnis für alle die Fälle, die keine Zeit zur Überlegung gestatten, also für den täglichen Verkehr, in welchem eben deshalb die Weiber exzellieren. Auch erklärt sich hieraus, warum im wirklichen Leben der Gelehrte, dessen Vorzug im Reichtum abstrakter Erkenntnisse liegt, so sehr zurücksteht gegen den Weltmann, dessen Vorzug in der vollkommenen intuitiven Erkenntnis besteht, die ihm ursprüngliche Anlage verliehen und reiche Erfahrung ausgebildet hat. (W. II, 80—82.) Die abstrakte Erkenntnis hat ihren größten Wert in der Mitteilbarkeit und in der Möglichkeit, fixiert aufbehalten zu werden. Erst hierdurch wird sie für das Praktische so unschätzbar wichtig. (W. I, 66.)

8) Gegen das Ausgehen von abstrakten Begriffen in der Philosophie.

In der Philosophie wird aus bloßen abstrakten Begriffen keine Weisheit zu Tage gefördert. Weite, abstrakte, zumal aber durch keine Anschauung zu realisierende Begriffe dürfen nie die Erkenntnisquelle, der Ausgangspunkt oder der eigentliche Stoff des Philosophierens sein. (W. II, 92.) Das Operieren mit weiten Abstrakta, unter gänzlichem Verlassen der anschaulichen Erkenntnis, aus der sie abgezogen worden und welche daher die bleibende, naturgemäße Kontrolle derselben ist, war zu allen Zeiten die Hauptquelle der Irrtümer des dogmatischen Philosophierens (W. II, 93.) Die erstaunliche Ärmlichkeit und marternde Langweiligkeit jener philosophischen Schriften, welche mit weiten Abstrakta, wie Endliches, Unendliches, — Sein, Nichtsein, Anderssein, — Einheit, Vielheit, Mannigfaltigkeit, — Identität, Diversität, Indifferenz u. s. w. operieren und auf solchem Material ihre Konstruktionen aufbauen, erklärt sich daraus, dass weil durch dergleichen weite Abstrakta unendlich Vieles gedacht wird, in ihnen nur äußerst wenig gedacht werden kann; es sind leere Hüllen (W. II, 91 fg.)