Schopenhauers Kosmos

 

 Ästhetisch.

1) Elemente und Bedingungen der ästhetischen Betrachtungsweise und des ästhetischen Wohlgefallens

Die ästhetische Betrachtungsweise enthält zwei unzertrennliche Bestandteile: die Erkenntnis des Objekts, nicht als einzelnen Dinges, sondern als platonischer Idee, d. h. als beharrender Form dieser ganzen Gattung von Dingen (s. Idee); sodann das Selbstbewusstsein des Erkennenden, nicht als Individuums, sondern als reinen, willenlosen Subjekts der Erkenntnis. (W. I, 230.) Das ästhetische Wohlgefallen beruht auf beiden, und zwar bald mehr auf dem einen, bald mehr auf dem andern, je nachdem der Gegenstand der ästhetischen Kontemplation ist. (W. I, 230.)
Die Bedingung, unter welcher beide Bestandteile immer vereint eintreten, ist das Verlassen der an den Satz vom Grund gebundenen, nur Relationen fassenden Erkenntnisweise, welche hingegen zum Dienste des Willens, wie auch zur Wissenschaft die allein taugliche ist. Wenn der Wille schweigt, die Gegenstände aufhören Motive für unser Wollen zu sein, wenn wir in der Anschauung aufgehen, uns ins Objekt verlieren, alle Individualität vergessen, so treten wir in den seligen Zustand der ästhetischen Kontemplation. Beim Eintritt desselben wird zugleich und unzertrennlich das angeschaute einzelne Ding zur Idee seiner Gattung, und das erkennende Individuum erhebt sich zum reinen Subjekt des willenlosen Erkennens, so dass nun Beide als solche nicht mehr im Strome der Zeit und allen anderen Relationen stehen. (W. I, 230—232. P. II, 447—452.) Es ist dann einerlei, ob man aus dem Kerker oder aus dem Palast die Sonne untergehen sieht, so wie es einerlei ist, ob das schauende Auge einem mächtigen König oder einem gepeinigten Bettler angehört. (W. I, 232 fg.)
Innere Stimmung, Übergewicht des Erkennens über das Wollen, kann unter jeder Umgebung diesen Zustand hervorrufen. Aber erleichtert und von Außen befördert wird jene rein objektive Gemütsstimmung durch entgegenkommende Objekte, durch die zu ihrem Anschauen einladende, ja sich aufdrängende Fülle der schönen Natur. (W. I, 232.)
Was den Zustand der ästhetischen Kontemplation erschwert, ist, dass darin gleichsam das Akzidenz (der Intellekt) die Substanz (den Willen) bemeistert und aufhebt, wenngleich nur auf eine kurze Weile. (W. II, 420.)
Wie groß der Anteil ist, welchen am ästhetischen Wohlgefallen die subjektive Bedingung desselben hat, nämlich die Befreiung des Erkennens vom Dienste des Willens, das Vergessen seines Selbst als Individuums und die Erhöhung des Bewusstseins zum reinen, willenlosen, zeitlosen, von allen Relationen unabhängigen Subjekt des Erkennens, zeigt sich unter anderem in dem wundersamen Zauber, den die Phantasie über die Vergangenheit und Entfernung verbreitet. Es sind die Objekte allein, welche die Phantasie zurückruft, nicht das unruhige, leidende, gequälte Subjekt des Willens, das damals zu ihnen in Beziehung stand. (W. I, 234.)
Was das Objektive der ästhetischen Anschauung, also die (platonische) Idee betrifft; so lässt diese sich beschreiben als das, was wir vor uns haben würden, wenn die Zeit, diese formale und subjektive Bedingung unseres Erkennens, weggezogen würde wie das Glas aus dem Kaleidoskop. Wir sehen z. B. die Entwickelung von Knospe, Blume und Frucht, und erstaunen über die treibende Kraft, welche nie ermüdet, diese Reihe von Neuem durchzuführen. Dieses Erstaunen würde wegfallen, wenn wir erkennen könnten, dass wir bei allem jenem Wechsel doch nur die eine und unveränderliche Idee der Pflanze vor uns haben, welche aber als eine Einheit von Knospe, Blume und Frucht anzuschauen wir nicht vermögen, sondern sie vermittelst der Form der Zeit erkennen müssen, wodurch unserm Intellekt die Idee auseinandergelegt wird in jene sukzessiven Zustände. (P. II, 452.)

2) Warum die ästhetische Auffassung selten und vorübergehend ist.

Bei der Auffassung des objektiven, selbsteigenen Wesens der Dinge, welches ihre (platonische) Idee ausmacht, wird der Intellekt, der ursprünglich dem Willen entsprossen, zum Dienste des Willens bestimmt ist und in fast allen Menschen auch darin bleibt, abusive gebraucht; seine Tätigkeit ist hier eine ihm unnatürliche, demgemäß ist sie bedingt durch ein entschieden abnormes, daher sehr seltenes Übergewicht des Intellekts und seiner objektiven Erscheinung, des Gehirns, über den übrigen Organismus und über das Verhältnis, welches die Zwecke des Willens erfordern. Eben weil dies Überwiegen des Intellekts ein abnormes ist, erinnern die daraus entspringenden Phänomene bisweilen an den Wahnsinn. (P. II, 451 fg.)
Übrigens ist die rein objektive Auffassung der Welt und der Dinge, sowohl aus objektiven als aus subjektiven Gründen, nur eine vorübergehende, indem teils die dazu erforderte Anspannung nicht anhalten kann, teils der Lauf der Welt nicht erlaubt, dass wir durchweg ruhige und anteilslose Zuschauer darin bleiben, sondern Jeder im großen Marionettenspiel des Lebens doch mitagieren muss und fast immer den Draht fühlt, durch welchen auch er damit zusammenhängt und in Bewegung gesetzt wird. (P. II, 452.)
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